Engel haben keine Flügel

Teil 1: Weihnachten in einer Hütte

23. Dezember

Es ist früh am Abend und schon finster. Chräbu steht hinten bei seinem Geländewagen. Soeben hat er sich das Strässchen hochgekämpft. Durch Schneewehen hindurch, die zum Teil höher als die Front seines Autos waren. Hei, war das eine Gaudi. Das Wetter meint es diesmal gar nicht gut mit ihm, und was da noch kommen soll. Es schneit und stürmt wie verrückt. Jeder normal denkende Mensch würde jetzt zu Hause in der Wärme bleiben, und nicht bei Nacht und Sturm sich auf den Weg zu einer Hütte machen.

Mit ein paar wenigen Handgriffen verstaut er noch einiges in seinen Rucksack. Nora, seine Hündin Nora kommt mal kurz nach hinten, um zu schauen, was da los ist. In diesem Moment jagt eine Windböe eine Ladung Schnee in Chräbus Auto. Nora schüttelt sich kurz, und legt sich dann wieder auf ihr Hundebett. Dieses Wetter passt ihr gar nicht.

Durch die Geräusche des Schneesturms hört man nun einen Dieselmotor, der sich das Strässchen hochkämpft. Chräbu schaut auf seine Uhr und denkt: „Ja, die Stini. Pünktlich wie immer.“ Und schon sieht man, wie die Scheinwerfer eines Autos durch die Nacht tanzen. Nur noch einen kleinen Moment, und der Geländewagen parkiert neben dem Auto von Chräbu. Die Türe öffnet sich, und man hört Helmut Lottis „Hold me Tight“. Chräbu geht zum Auto und fragt: „Madame, darf ich bitten?“ Stini steigt aus, geht auf Chräbu zu und schon tanzen sie im Schnee durch den Schneesturm als gäbe ihn gar nicht. Als das Lied zuende ist fragt Stini: „Was zum donners hast Du da wieder für ein Wetter bestellt?“ „Ja, so kommt es, wenn man nicht gehorcht.“ Antwortet Chräbu.

Die beiden umarmen sich zur Begrüssung und Küssen sich. Chräbu fragt: „Na, alles klar?“ „Ja, soweit schon. Meinst Du, wir finden die Hütte bei diesem Wetter?“ Entgegnet Stini. Chräbu murmelt nur: „Was bleibt uns anderes übrig? Schliesslich haben wir eine Aufgabe zu erledigen.“ Stini sagt leise: „Jo, des is e so!“ Stini begibt sich nun hinter ihr Auto, und öffnet die Türe. Als erstes nimmt sie einen Anorak aus dem Auto und zieht ihn an. Anschliessend stülpt sie sich noch eine Mütze über den Kopf. Danach zehrt sie einen Rucksack aus dem Auto und hängt ihn sich an. Bäri, ihr Hund ist nun auch ausgestiegen. Er schüttelt sich, geht ein paar Schritte weg vom Auto, und pinkelt dann in den Schnee. Jetzt bewegt sich auch Nora zum Ausgang, und springt in den Schnee. Freudig begrüssen sich die beiden Hunde. Auch Nora pinkelt nun an der gleichen Stelle wie Bäri in den Schnee. Chräbu hängt sich nun auch den Rucksack an, und jammert, wieso der denn so schwer sein muss. Er schliesst die Türe seines Autos. Die Blinker leuchten kurz auf, als er den Wagen mit der Fernbedienung schliesst. Mit einem Griff kontrolliert er, ob der Wagen wirklich geschlossen ist. Auch Stini schliesst nun die Türe ihres Autos mit der Fernbedienung ab.

Aus einer Jackentasche holt Chräbu eine Mütze hervor, die er anzieht und marschiert los. Weg von den Autos hinaus in den Schneesturm. Stini und die Hunde folgen ihm. Rund um sie dunkle Nacht. Nur dank dem Schnee sieht man die Bäume. Stirnlampen haben sie keine angezündet. Chräbu sagt immer, dass man ohne Lampe viel mehr sieht. Desshalb sieht man ihn nachts nie mit einer Lampe oder Laterne durch die Dunkelheit wandern. In Gedanken versunken wandern sie durch die Dunkelheit und den Schneesturm. Im Wald sind sie noch einigermassen geschützt. Jetzt verlassen sie den Wald, und kriegen gleich die ganze Wucht des Schneesturmes zu spüren. Die Hunde schütteln sich den Schnee aus dem Fell. Chräbu lacht und sagt: „Hei Stini, hast du auch einen Dalmatiner?“ Denn die Hunde sehen im Schneesturm aus wie umgekehrte Dalmatiner. Schwarzes Fell und weisse Flecken.

Stini lacht, klopft sich den Schnee aus ihrer Jacke, und fragt: „Weisst Du noch, wo wir sind?“ „Ja klar. Draussen im Schneesturm. Nein wir müssen nun der Starkstromleitung bis zur Staude folgen.“ Stini schüttelt den Kopf und fragt dann: „Staude. Ja, ja. Die erkennt man an ihren Blüten. Gell“. Chräbu antwortet darauf nichts. Stini hatte es in letzter Zeit nicht leicht. Zuviel hatte sie um die Ohren. Und jetzt noch mit ihm durch den Schneesturm wandern. Still ziehen sie weiter. Der Wind bläst nun von hinten links. Und somit nicht direkt ins Gesicht. Chräbu ist sich sicher, dass sie immer noch auf dem richtigen Weg sind. Er kann sich ja an der Starkstromleitung orientieren, die man zwar nur schemenhaft sieht.

Nach einer Weile hält Chräbu an, und bearbeitet mit dem Fuss einen Schneehaufen. Aus dem Schnee tritt nun ein Busch hervor. Zu Stini gewandt meint er nun: „Wir sind zu früh, die hat noch keine Blüten, und auch keine gelben Rosen blühen da.“ Stini sagt nichts. Sie schüttelt nur den Kopf. Chräbu stellt seinen Rucksack in den Schnee und nimmt eine Feldflasche heraus. Zieht den Zapfen aus der Flasche und trinkt zwei grosse Schlucke. Danach reicht er sie Stini hin, und fragt, ob sie auch einen Schluck Tee wolle. Eigentlich hätte ihr die Alarmglocken läuten sollen. Tee aus einer Feldflasche bei dem Wetter. Der ist doch sicher kalt. Und beim Chräbu weiss man nie. Aber sie greift nach der Feldflasche, und nimmt sie Chräbu aus der Hand. Chräbus Warnung „Achtung heiss!“ nimmt sie nicht wahr. Stini setzt die Feldflasche an ihren Mund, und nimmt einen grossen Schluck aus der Feldflasche. Chräbu zuckt zusammen, und denkt „Mann, was kommt jetzt?“ Stini würgt den Schnaps hinunter und verdreht dabei die Augen. Sie nimmt die Feldflasche vom Mund und spuckt etwas Schnaps in den Schnee. Laut fragt sie: „Hey Junge, willst du mich umbringen? Bist du wahnsinnig?“ Wieder spuckt sie in den Schnee. Chräbu meint nur: „Ja, sorry. Der ist vom Chrigu.“ Stini nimmt noch zwei Schlucke aus der Feldflasche, und gibt sie dem Chräbu zurück und er versorgt sie wieder im Rucksack, den er anschliessend wieder anhängt.

Chräbu zeigt in die Nacht, und sagt dabei: „So, jetzt müssen wir da über die Weide. Sei vorsichtig mit den Mutterkühen. Die Kälber besser nicht streicheln!“ Chräbu muss lachen. Stini schlägt ihm mit der rechten Hand an die Brust, und antwortet: „Ja, ja. Dumme Sprüche kann ich selber machen.“ Chräbu legt seinen rechten Arm auf Stini's Schulter, zieht sie etwas zu sich hin und meint dann: „Ja, ich weiss, Entschuldigung!“ Darauf Stini: „Ja, das war damals dumm von mir. Aber die Viecher sahen so herzig aus. Da konnte ich nicht anders.“ Chräbu streichelt noch kurz Stini’s Hals, und antwortet darauf: „Kein Problem. Ging ja damals noch gut aus.“ Aber er musste an den Kampf mit den zwei Mutterkühen denken, den er hatte, um die Gruppe Touristen vor schlimmerem zu bewahren. Beinahe hätte er dabei sein Leben gelassen. Aber von zu Hause war er es sich gewohnt mit Rindviechern umzugehen.

Chräbu zieht nun stur seine Spur durch den Schnee. Stini weiss, dass man ihn jetzt nicht mehr aufhalten kann. Doch plötzlich bleibt er bockstill stehen. Stini hätte ihn fast umgehauen, und sie fragt: „Hey, was ist?“ Chräbu zeigt etwas nach links, und sagt dann: „Da unten ist jemand. Was machen denn die hier bei diesem Wetter?“ Jetzt wurden auch die Hunde aufmerksam, und schauen in die Richtung, in die Chräbu soeben gezeigt hat. Stini fragt sich, wie man bei diesem Wetter feststellen kann, dass da noch andere Menschen unterwegs sind. Muss wohl mit Chräbus Vergangenheit zu tun haben. Aber das ist eine andere Geschichte. Chräbu steht fast unbeweglich, etwas geduckt, an Ort und Stelle, und schaut weiterhin in die Richtung, in die er vorher gezeigt hat.

„Mann, sind das Anfänger. Stirnlampen und die Handys leuchten da in der Nacht als ob es keine Probleme gäbe. Dabei ist genau das Licht das Problem. So siehst du sicher nicht, wo du bist.“ Chräbu schüttelt den Kopf. So etwas kann er nicht verstehen. „Na gehen wir mal schauen, was da los ist.“ Sagt er und marschiert in die Richtung, in der er die Leute stehen. Stini ruft ihm noch nach: „Mach aber keine Dummheit!“ Sie kennt den Chräbu, und vor allem seine Streiche nur zu gut. In solchen Situationen wird er oft unberechenbar. Stini und die Hunde rennen dem Chräbu nach. Als sie ihn eingeholt haben, sagt Chräbu nur trocken: „Da muss jemand echt ein Problem haben. Wir müssen helfen.“

Anstatt nun direkt auf die Leute zuzulaufen, ändert Chräbu die Richtung so, dass er an den Leuten vorbei kommt. Stini fragt sich „Hey, spielen wir nun Indianer und Cowboys, oder wollen wir jemandem helfen?“ Doch Chräbu schreitet nun durch die Dunkelheit in einiger Distanz an den Leuten vorbei. Stini und die Hunde folgen ihm. Jetzt bleibt Chräbu stehen, und schaut zu den Leuten hoch. Mit der rechten Hand hält er seine Nora am Halsband. Mit der der linken Hand hält er den Bäri. Zudem kniet er auf seinem rechten Knie im Schnee, und schaut abwechselnd zu den Leuten und wieder zu Stini. Stini wird das ganze ungemütlich. Würde der Chräbu anstelle seiner Mütze einen Helm tragen, und ein Gewehr in der Hand halten, sie hätte das Gefühl, irgendwo in einem Kriegsfilm zu sein. Ihr schaudert, und sie ist froh, als Chräbu wieder aufsteht, die Hunde loslässt und brummelt: „Scheisse, da hat sich jemand verlaufen.“

Chräbu marschiert nun auf die Leute los. Beim Näherkommen erkennt er, dass es sich um eine Frau und zwei Teenager handelt. Die Frau hält einen Zettel in der Hand, und die Teenager suchen auf ihren Handys nach irgendetwas. Doch hier gibt es keinen Handy-Empfang. Und daher nützt auch die ganze Technik nichts. Chräbu gibt den Hunden ein Zeichen, und sie rennen direkt auf die drei Personen los, welche erschrecken, als sie die Hunde entdecken. Chräbu und Stini müssen lachen. Genau das war das Ziel dieser Aktion. Mal schauen, wer da im Schneesturm steht. Jetzt bewegt sich auch Chräbu in Richtung der Leute, und Stini folgt ihm lachend. Sie weiss, nun kommt alles gut. Ja die verdammte Vergangenheit von Chräbu. Aber manchmal ist sie doch hilfreich.

„Na, auch im Schneesturm unterwegs? Scheisswetter heute.“ spricht Chräbu die Leute an. Die Frau schaut den Chräbu überrascht an, und fragt ihn: „Hoffentlich wissen Sie, wo wir uns befinden?“ „Ja, in einem fürchterlichen Schneesturm auf irgend einer Jurahöhe.“ Chräbu schaut der Frau tief in die Augen, und sieht die Verzweiflung, in der sich die Frau befinden muss. Er sagt ganz bestimmt: „Kommen sie mit uns. In der Hütte sehen wir dann weiter.“ Er schaut sich kurz um, und schreitet dann weg in die Dunkelheit. Nach ein paar Schritten dreht er sich um und befiehlt gehässigt: „Verdammt noch mal, macht die Lampen aus. So sieht man doch nichts!“ Zögernd drehen die drei ihre Lampen aus. „Und die Handys könnt ihr auch versorgen. Hier habt ihr ja eh keinen Empfang!“

Chräbu schreitet nun festen Schrittes in die Dunkelheit. Der Schneesturm hat mittlerweile an Gewalt zugenommen. Doch nach wenigen Schritten bleibt er stehen, dreht sich um und befiehlt der Frau: „Du, du hältst dich an meinem Rucksack!“ Zum Mädchen gewannt: „Du hältst dich an diesem Rucksack, aber sofort!“ Dem Burschen befiehlt er, sich am Rucksack des Mädchens festzuhalten. Und Stini soll sich am Rucksack des Burschen festhalten, und falls etwas ist, laut schreien. Chräbu stellt sich nun so zur Frau, dass sie sich an seinem Rucksack festhalten kann. Chräbu sagt noch laut und eindrücklich: „Ihr haltet nun den Rucksack eures Vordermannes fest in der Hand.“ „Ihr lasst ihn erst los, wenn ich es befehle.“ „Wer das nicht befolgt, ist verantwortlich, dass er und die Gruppe hier im Schneesturm elendiglich verreckt. Ist das klar?“ Er hat den Eindruck, dass alle nicken, und sich bewusst sind, dass es nun ums überleben geht. Stini schüttelt nur den Kopf, und denkt: „Typisch Chräbu“. Aber so hat er bereits viele Menschen durch Sturm und Nacht geführt.

Chräbu richtet nochmal seine Mütze und den Kragen seiner Jacke. Danach setzt sich die Gruppe langsam in Bewegung. Nora trottet an der rechten Seite von Chräbu und Bäri links von Chräbu. Auch sie scheinen froh zu sein, dass da noch einer weiss wo es lang geht. Wie eine Tazelwurm, flankiert von zwei Hunden, stapfen sie durch den Schneesturm. Der Wind bläst wieder leicht von hinten links. Also wenigstens nicht direkt ins Gesicht. Nach einer Weile stehen sie beim Schneehaufen, wo Stini und Chräbu vorher waren, und von Chräbus Tee getrunken hatten. Chräbu bearbeitet den Schneehaufen mit dem rechten Fuss und ruft dann: „Hey, Stini, schau, sie hat gelbe Blüten!“ Stini ruft zurück: „Ja, und die Bienen sind ganz verrückt nach den Blüten!“ Die Frau denkt: „Wo bin ich da bloss gelandet? Bienen, bei diesem Wetter…“

Chräbu schreitet weiter, ändert aber die Richtung, und der Wind bläst jetzt seine Schneeladungen von links direkt in die Gesichter der Gruppe. Verdammt, die Nase läuft, die Augen brennen, und dann diese Kälte. Kaum auszuhalten. Aber niemand wagt es, den Rucksack des Vordermannes loszulassen um sich die Nase zu putzen, oder sich den Schnee aus dem Gesicht zu reiben. Handschuh und Jackenärmel müssen nun daran glauben. Denn, beide Hände in den Hosentaschen, schreitet Chräbu unbeirrt durch den Schnee. Und die Gruppe stolpert ihm hinten nach.

Nach einer gefühlten Ewigkeit stehen sie plötzlich vor einer Alphütte. Chräbu öffnet die Türe und sie treten in die Hütte. „So, jetzt könnt ihr den Rucksack des Vordermannes loslassen.“ Chräbu stellt seinen Rucksack auf den Boden und zündet eine Petrollampe an. Warmes Licht erhellt den Raum. Lange Schatten entstehen dort, wo das Licht nicht hinkommt. Nur schemenhaft sind die Umrisse des Raumes erkennbar, in dem sie sich nun befinden. In der Mitte steht ein grosser Tisch, zu dem zwei Sitzbänke gehören. An den Wänden entlang sind irgendwie Schlafplätze zu erkennen. Und da, an der einen Wand noch so etwas wie eine Kochnische.

Chräbu zündet noch eine zweite Petrollampe an, und im Raum wird es nun gemütlich hell. Stini stellt ihren Rucksack bei einem der Schlafplätze ab, zieht die Jacke aus und legt sie auf die Schlafstelle. Auch Chräbu steht nun bei einem Schlafplatz, und stellt seinen Rucksack daneben. Auch zieht er seine Jacke aus, und hängt sie über dem Schlafplatz an die Wand. Stini sagt etwas provokativ: „Mann, ist das kalt hier drinnen. Unsere Gäste werden noch erfrieren“ „Ja, kommt gleich!“ Antwortet Chräbu und wendet sich nun der Kochecke zu. Vom Kochherd hebt er einen Deckel hoch und legt ihn neben das Loch, das in der Kochfläche entstand. Er legt einen Papierknüllen in das Loch, und anschliessend feine Holzspäne. Jetzt hält er ein brennendes Streichholz in das Loch, und schon bald züngeln Flammen aus dem Loch des Kochherdes. Chräbu legt den Deckel wieder auf das Loch. Durch ein Türchen, durch das man das Feuer sieht, legt er nach einer Weile etwas gröbere Scheiter auf das Feuer. Jetzt schliesst er das Türchen so, dass es noch ein wenig offen bleibt, damit das Feuer Sauerstoff, also Luft, kriegt.

Langsam macht sich eine angenehme Wärme breit, und in der Hütte wird es langsam gemütlich. Draussen tobt immer noch der Schneesturm. Die Hunde haben es sich bereits auf den Schlafplätzen, die sich Stini und Chräbu ausgelesen haben, gemütlich gemacht. Chräbu geht zu seinem Schlafplatz, und öffnet seinen Rucksack. Heraus nimmt er die Feldflasche mit dem tödlichen Tee. Er nimmt einen tiefen Schluck aus der Feldflasche, streckt sie nun gegen die Personen, die jetzt am Tisch sitzen, und fragt: „Wer will einen Schluck Tee?“ Die Frau antwortet: „Egal was da drin ist, ich brauche jetzt etwas kräftiges.“ Chräbu schreitet zu ihr, und hält ihr die Flasche entgegen.“ Die Frau nimmt sie ihm aus der Hand, streicht mit der linken Hand über die Öffnung der Flasche. Sie setzt die Flasche an den Mund, und nimmt drei grosse Schlucke aus der Flasche. „Buaah, das tut gut!“ ist ihr Kommentar als sie die Flasche wieder absetzt. Sie gibt sie dem Chräbu wieder zurück und wischt sich die Tränen aus den Augen.

Chräbu hält nun die Flasche mit einem verschmitzten Lächeln dem Burschen hin. Der schaut zur Frau. Sie zuckt nur mit den Achseln. Früher oder später wird er doch den ersten Schnaps trinken. Der Bursche nimmt die Feldflasche, zögert erst ein wenig, setzt sie an den Mund, und nimmt einen Schluck aus der Feldflasche. Ruckartig setzt er die Feldflasche ab, verdreht kurz die Augen und würgt dann das, was er im Mund hat, hinunter. Nach Atem ringend wischt er sich die Tränen aus dem Gesicht, während er dem Chräbu die Feldflasche zurückgibt.

Jetzt hält er die Feldflasche dem Mädchen entgegen. Sie nimmt die Feldflasche, setzt sie an, nimmt einen grossen Schluck ohne mit der Wimper zu zucken. Sie gibt dem Chräbu die Feldflasche wieder zurück und sagt: „Ich bin die Tochter meiner Mutter.“ Aber ein paar Tränen wischt sie sich doch aus dem Gesicht. Chräbu gibt die Feldflasche der Stini, die sie nun noch fertig austrinkt. Chräbu wendet sich nun der Frau hin, und zeigt auf Stini: „Auso, das ist die Stini. Einfach Stini.“ Stini lacht, winkt mit der rechten Hand und sagt: „Hallo allerseits“. Danach zeigt Chräbu auf sich und stellt sich vor: „Ich bin der Chräbu. Wie der Chräbu in der Karosserie…“ „Und wer seit ihr?“ Die Frau antwortetet: „Ich bin die Martina, und das sind meine Kinder Chrigi und Dani.“ Stini sagt darauf: „Seit Herzlich willkommen. Ihr bleibt erstmals hier. Bei diesem Wetter jagen wir niemand zum Teufel. Chräbu wird schon dafür sorgen, dass wir genügend zwischen die Zähne kriegen. Und zum schlafen haben wir auch genügend Platz.“

Chräbu holt seinen Rucksack von seiner Schlafstelle zur Kochecke. Während er sich in der Kochecke zu schaffen macht, um das Abendessen zuzubereiten, zeigt Stini den Gästen das Haus, und macht sie mit den Hausregeln bekannt. Als erstes zeigt sie den Leuten ihre Schlafplätzen. Dabei macht sie die drei auf folgendes Aufmerksam: „Das einzige, das ihr berühren dürft, ist euer Schlafplatz. Alle anderen sind tabu! Ist Privatsphäre! Oder so.“ „Wer sich nicht daran hält, wird schlimmes erleiden!“ Die Drei nicken, und haben es scheinbar begriffen. Die drei legen nun ihre Rucksäcke und Jacken auf die von ihnen ausgewählten Schlafplätze. Ergänzend meint nun Stini „Eure Schlafplätze dürft ihr natürlich so einrichten, wie es euch gefällt. Denn das ist eure Privatsphäre.“ „Gehen wir nun weiter.“ Stini lädt die Gäste mit einer Handbewegung ein, ihr zu folgen. Sie verlassen den Raum, in dem sie sich soeben noch befanden. Sie betreten einen anderen Raum. Auf den ersten Blick sehen sie ein Chaos. Holz liegt da kreuz und quer auf einem Haufen herum. Stini leuchtet mit der Taschenlampe an eine Wand, und es wird ein Spültrog sichtbar. „Hier könnt ihr die Zähne putzen und euch waschen. Ist sehr bequem… fliessend Kalt- und Kalt-Wasser.“ „Hm, etwas Warmwasser kriegt ihr von Chräbu in der Küche. Wenn ihr lieb fragt.“

Stini begibt sich nun zurück in den Hauptraum der Hütte, und verlässt die Hütte durch den Ausgang. Die drei folgen ihr zögernd. Neben der Hütte ist eine kleine Hütte mit einem Herzen in der Türe. Stini sagt lachend: „Das hier ist unser Plumpsklo. Ausgerichtet auf kleine und grosse Geschäfte.“ „Taschenlampe nicht vergessen. Denn Licht hat es hier keines.“ Die drei schauen sich die Sache an, und Martina meint dann: „Ja, genau das ist die wahre Hüttenromantik.“ Ihre Kinder nicken.

Stini kommt mit den dreien wieder zurück in den Hauptraum der Hütte, in der es mittlerweile schon bald zu warm geworden ist. Sie setzen sich an den grossen Tisch und schauen dem Chräbu zu, wie er in der Kochecke hantiert. „Es wird irgend etwas komisches, aber feines geben.“ sagt Stini. „Ja, ich weiss. Hauptsache, man kann es essen.“ entgegnet Chräbu. „Verdammt, ist die Luft hier oben trocken. Dagegen sollte man etwas tun. Sonst kann ich dann nicht schlafen!“ jammert Chräbu. Stini hat den Wink wohl verstanden, und holt eine Flasche Weisswein aus dem anderen Raum. Sie schraubt den Deckel von der Flasche ab, und schenkt in die bereitstehenden Gläser ein. „Danke Chräbu, fürs Tischdecken!“ Sagt Stini, sich an Chräbu wendend. „Ja bitte, oder willst Du vom Tisch essen?“ Antwortet Chräbu. „Nein, nicht wirklich“ antwortet Stini. Sie nehmen nun die Gläser in die Hand und prosten sich damit zu. Dabei wünschen sie einander viel Glück und alles Gute. Ja, genau die Floskeln, die man in solch einem Moment so sagt.

Martina sitzt am Tisch. Ihr gehen nun allerlei Gedanken durch den Kopf. Einerseits stellt sie sich die Frage, wo bin ich denn hier nur gelandet? Andererseits fühlt sie sich hier richtig geborgen. Die zwei, Stini und Chräbu, akzeptieren sie, und es kommt ihr vor, als würde sie die beiden schon seit Jahren kennen. Dabei haben sie sich in ihrer Notsituation quasi den beiden aufgedrängt. Was ihr nicht recht ist. Denn eigentlich müssten die beiden ihr und ihren Kinder gegenüber etwas distanzierter sein. Doch das Gegenteil ist der Fall. Während Martina sich mit ihren Gedanken beschäftigt, ruft der Chräbu, dass das Abendessen bereit sei. Martina will aufspringen, um dem Chräbu beim Servieren des Abendessen zu helfen. Doch schon ist Stini zur Stelle. Sie fasst Martina an der Schulter, drückt sie sanft zurück auf den Bank. „Lass nur. Ihr seit ja unsere Gäste. Geniess es einfach.“ Stini lächelt ihr noch entgegen und wendet sich dann Chräbu zu, der ihr eine Schüssel mit Spagetti reicht. Chräbu packt nun eine Pfanne und stellt sie auf den Tisch.

„Spagetti und Sauce vom Holzofen. Ein Festessen! Wo kriegt man das heute noch?“ „Haut zu. Denn wer weiss, ob es Morgen noch etwas zu beissen gibt?“ ruft Chräbu. In diesem Sinne schöpfen alle soviel in ihren Teller, wie sie denken, dass das eine Portion sein könnte. Zum trinken gibt es roten Wein, von dem Martina noch nie etwas gehört hat. Aber der schmeckt. Und alle trinken davon etwas zu viel, was die Stimmung hebt. Nur muss Martina immer daran denken, dass da etwas nicht stimmen kann. Die zwei hatten doch vorgesehen, dass sie nur zu zweit in dieser Hütte sind. Entsprechend haben sie doch Proviant mitgenommen. Doch jetzt reicht es locker für fünf Personen. Entweder habe ich die Wunderbare Brotvermehrung aus der Bibel erlebt, oder wir haben die nächsten Tagen nichts zu essen. Als ob Stini ihre Gedanken erraten hat, lächelt sie ihr zu und flüstert: „Keine Sorgen, es kommt schon gut. Geniesse es einfach. Hier musst du den Moment geniessen. Was gestern war, oder Morgen kommt, spielt keine Rolle.“ Etwas lauter sagt danach Stini „Ja, ich weiss. Es ist schwierig, seine Probleme loszulassen. Insbesondere, wenn sie so gravierend wie die deinen sind. Aber wenn du willst, kannst du mit uns darüber sprechen. Wir helfen dir gerne.“

Martina schaut versteinert auf ihr Weinglas, und fragt sich „Was weiss den die von meinen Problemen? Zudem ist heute alles schief gelaufen. Ich, die ehemalige Orientierungsläuferin, habe mich kläglich verlaufen. Sitze jetzt in dieser Hütte und lasse mich von diesen beiden verwöhnen.“ Ein schlechtes Gewissen überkommt Martina. Ihr ist die Situation nicht recht.

Martina realisiert nicht, dass ihre Kinder mit dem Chräbu das Geschirr abwaschen, und dabei allerlei Schabernack treiben. Chräbu hat ein Salatsieb auf dem Kopf, das einen Helm darstellt. Er spielt einen Offizier, der seinen Rekruten, also den Kinder, den militärischen Gruss beibringen will. Jedoch verrutscht das Salatsieb, also der Helm, immer wieder in eine falsche Position, so dass das ganze jeweils ulkig aussieht. Chräbu spielt den wütenden Offizier, der sich über seine Rekruten ärgert. Die Kinder lachen jeweils nach jeder Szene, was den Offizier noch mehr ärgert. Plötzlich rutscht der Helm endgültig von Chräbus Kopf und fliegt zu Boden, wo er mit drei Hüpfer vor Stinis Füssen landet. Jetzt kann sich auch der Chräbu nicht mehr beherrschen. Er hält sich am Tisch in der Kochecke und lacht laut heraus. Chrigi und Dani lachen ebenso laut heraus. Es ist, als hätte sich bei den beiden ein grosser Knoten gelöst. Chrigi umarmt den Chräbu fest, legt kurz ihren Kopf auf seine Schultern und sagt: „Danke Chräbu!“ Chräbu umarmt Chrigi nun fest. Er legt seine Hände mit der Handfläche nach innen auf Chrigis Rücken. Dabei schaut er wie versteinert an Chrigi vorbei. So verharrt er ein paar Sekunden und lässt sie danach wieder los. Chrigi weiss nicht wie ihr geschieht. Denn sie fühlt ganz etwas merkwürdiges. Während sie Chräbu umarmt dringt eine wohlige Wärme in ihren Körper. Wobei das ganze nichts mit sexuellem Handeln zu tun hat. Es ist ein Gefühl von Geborgenheit und Wärme, die sie in letzter Zeit so sehr vermisst hat.

Die drei setzen sich nun auch an den Tisch. Stini hat noch eine Flasche Wein geholt, und füllt die Gläser aus der Flasche. Plötzlich fragt Martina: „Ist das eigentlich die Cabanne de Couisiniere?“ Stini und Chräbu schauen sich kurz an, und Stini antwortet dann: „Nein, das hier ist die La Chévre. Wie kommst Du auf die Couisiniere?“ Martina holt ein Stück Papier aus ihrer Hosentasche, auf dem ein Kartenausschnitt gedruckt ist, und zeigt es der Stini. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand zeigt sie auf einen eingekreisten Punkt und sagt: „Das ist doch die Couisiniere, oder nicht?“ Stini schiebt das Papier dem Chräbu zu, der sich die Sache genau anschaut, und dann etwas belustigt meint: „Wer das eingezeichnet hat, war entweder ziemlich besoffen, oder hat euch total verarscht!“. Er zeigt mit seinem Zeigefinger auf einen anderen Punkt und meint dann: „Die Couisiniere ist hier, also auf der anderen Talseite.“

Martina erzählt nun: „Ich habe diesen Kartenausschnitt von einem älteren Mann erhalten, der behauptete, dass er sich hier recht gut auskenne. Wir sollen an Weihnachten in die Hütte hochkommen, und dann könne man dann gemeinsam Weihnachten Feiern. Jetzt sind wir aber in einer anderen Hütte, und der Mann wartet bestimmt auf uns.“ Chräbu meint darauf hin: „Wer euch einen falschen Wegbeschrieb gibt, wartet sicher nicht auf e>uch. Er ist gottesfroh, dass ihr nicht auftaucht, sofern er überhaupt in der Hütte ist.“ „Aber wie gesagt: Bleibt jetzt erstmals hier, und Morgen schauen wir dann weiter. Mach dir deswegen keine Sorgen. Hier habt ihr ja alles, was es braucht, wie ein Dach über dem Kopf, einen Platz zum schlafen und genug zu essen und zu trinken.“ Martina antwortet darauf: „Vielen Dank, das ist gütig von euch.“ Chräbu murmelt darauf hin so etwas wie: „Bitte, keine Ursache.“

Gemeinsam trinken sie noch den Wein fertig. Gesprochen wird nur wenig. Alle hängen irgendwelchen Gedanken nach, oder sind von den Strapazen im Schneesturm richtig kaputt. So ist es fast wie eine Erlösung, als Chräbu aufsteht und sagt: „So, ich hau mich nun in die Federn!“

24. Dezember

Martina erwacht, und schaut sich um. Als erstes muss sie sich mal orientieren, wo sie sich eigentlich befindet. Und so schaut sie sich im Raum um. Chrigi und Dani liegen noch in ihren Schlafsäcken und scheinen noch tief zu schlafen. In der Kochnische sieht sie Stini, wie sie das Frühstück vorbereitet. Von draussen her dringt ein Lachen herein. Und als sie durchs Fenster nach draussen schaut, sieht sie wie Chräbu mit den Hunden spielt. Nora reisst an einem Spielzeug, das Chräbu in der Hand hält. In diesem Moment springt ihn Bäri von der Seite an, und Chräbu fliegt in hohem Bogen in den Schnee. So toben sie noch eine Weile im Schnee herum, bis Stini nach draussen ruft: „Der Kaffee ist fertig!“ Chräbu steht auf, klopft sich den Schnee aus seinen Kleider und befielt den Hunden mitzukommen. Diese folgen nur zögerlich. So nach dem Motto: „Ja, ich komme gleich, aber ich muss da noch…“ Aber sie folgen dem Chräbu in die Hütte hinein. Nachdem er die Jacke ausgezogen hat, setzt sich Chräbu an den Tisch, und wartet auf das Frühstück. Martina lässt heisses Wasser durch einen Filter, der mit Kaffee gefüllt ist, laufen. Ein Duft von Kaffee macht sich in der Hütte breit. Was nun auch Martina, Chrigi und Dani an den Tisch lockt. Stini stellt zwei Thermoskrüge auf den Tisch. Chräbu erklärt nun seinen Gästen: „Also diese zwei Landfrauenhydranten enthalten folgendes: Der Blaue nur heisses Wasser für Tee oder so. Der Braune enthält Kaffee, gemahlen nicht gekapselt. Bedient euch einfach.“

Stini schaut nun, dass alle genügend Speck und Rührei bekommen. Chräbu übergiesst seine Portionen Rührei und Speck ordentlich mit Ahornsirup. So müsste eigentlich jeder darauf kommen, dass er irgendwann mal Kanadier war. Oder wenigstens so tut. Auch der Käse und die Butter werden mit einer tollen Portion Ahornsirup ersäuft. Genüsslich tunkt er das Brot in die Sauce, die sich in seinem Teller gebildet hat, und schlürft das ganze genussvoll in seinen Mund. Als gäbe es nichts besseres auf dieser Welt.

Doch plötzlich schaut er Martina eine Weile an, und fragt sie: „Es wäre schön, wenn ihr mit uns Weihnachten feiern würdet. Was meinst Du dazu?“ Martina ist von diesem Angebot überrascht. Und wieder steigen ihr Gewissensbisse hoch, mit dem Gedanken: „Das darf doch nicht wahr sein!“ Gerne wäre sie nun zur Hütte La Couisiniere aufgebrochen, wo sie eigentlich erwartet wird. Aber da erklärt ihr Chräbu: „Ja, Du kannst schon versuchen, die Hütte zu wechseln. Nur musst Du Dir bewusst sein, dass Dein Auto unter dem Schnee begraben ist, und der Weg zur Hütte mühsam ist. Da bleibt ihr besser hier. Denn in der Couisiniere erwartet euch niemand.“

Martina fragt sich, wie kann er das denn wissen. Sie haben doch abgemacht. Und für sie zählt, was einmal abgemacht wurde, das gilt. Aber wenn sie sich das ganze genau überlegt, muss sie sich eingestehen, dass es das vernünftigste ist, hier zu bleiben. Denn hier ist es gemütlich, und es hat zwei Menschen, die sich um sie kümmern, und wissen, was da draussen auf einem wartet.

Chräbu schaut nun den Dani an und sagt: „Da draussen hat der Sturm gestern ein Tanne umgestürzt. Wenn wir der die Spitze absägen, haben wir heute Abend einen wunder schönen Weihnachtsbaum. Kommst du mit, und hilfst mir dabei?“ Dani nickt mit dem Kopf. Wobei er sich nicht vorstellen kann, wo denn diese Tanne liegt. Und vor allem wie sie ausschaut. Doch er ist irgendwie von Chräbu fasziniert. Und deshalb ist er froh, kann er mit ihm etwas unternehmen.

Nach dem Frühstück machen sich die beiden für einen Ausflug nach draussen in den Schnee bereit. Will heissen, beide ziehen sich hohe Schuhe, Jacke und Handschuhe an. Und Chräbu hat noch einen Rucksack, den er sich anhängt. Natürlich dürfen auch die Hunde mit. Und so ziehen sie los nach draussen in den Schnee. Tatsächlich kommen sie nach einer Weile zu einer umgestürzten Tanne, deren Spitze wie ein Warnfinger nach Westen zeigt. Chräbu schaut sich das ganze aus der Nähe an. Er zeigt auf eine Stelle am Baumstamm und sagt dann nach einer Weile: „Wenn wir hier die Spitze absägen, passt er gerade knapp in unsere Hütte.“

Dani fragt sich, wie das wohl funktionieren soll. Denn die Stelle ist doch viel zu hoch über dem Boden. Doch Chräbu drückt ihm einen Fuchsschwanz (Säge) in die Hand, zeigt auf eine Stelle am Boden und sagt dann: „Stell dich hier hin, und mach die Beine breit.“ Dani gehorcht ihm, und Chräbu steckt seinen Kopf zwischen seine Beine und hebt ihn mit seinen Achseln hoch. Beide schauen nun nach oben zum Baumstamm der Tanne. Chräbu zeigt Dani wo er sägen soll. Es ist ein wenig höher als sein Kopf, aber er sägt bis die Spitze der Tanne auf den Boden fällt. Dabei fällt viel Schnee herunter und ausgerechnet in Chräbus Genick, wobei der sich jeweils wie ein Hund schüttelt und jammert. Chräbu meint dazu: „Gut gemacht!“ und setzt Dani wieder auf den Boden zurück. Beide schauen nun das Stück Tanne an, das vor ihnen im Schnee liegt. Und das soll der schönste Weihnachtsbaum werden. Na, warten wir es mal ab. Noch ist nicht Weihnachtsabend. Aber wie kriegen wir nun das Teil zur Hütte?

Chräbu nimmt ein Seil aus dem Rucksack. Gekonnt wickelt er es so auf, dass er nun die Mitte des Seils in der Hand hat. Mit einem Knoten befestigt er die Mitte des Seils am Weihnachtsbaum. Das eine Ende knüpft er um Danis Bauch, und das andere Ende um seinen Bauch. Lachend zeigt er zum Weihnachtsbaum: „Diesen Knoten nennt man Mastwurf. Und was du um den Bauch hast ist der Palsteck. Ein Knoten, der sich nicht zusammenzieht. So, und nun müssen wir nur noch zur Hütte marschieren. Der Weihnachtsbaum wird uns zwangsläufig folgen.“ Und sie marschieren los. Zuerst wortlos. Dani kann nicht verstehen, was da vor sich geht. Denn von der Hütte aus kann man die Tanne nicht sehen, deren Spitze sie nun durch den Schnee ziehen. Wie weiss denn der Chräbu von dieser Tanne? Denn gestern im Sturm ist ihm auch nicht aufgefallen, dass da eine Tanne umgestürzt ist. Als hätte Chräbu seine Gedanken erraten, sagt er plötzlich: „Diese Tanne hatte ich schon lange im Auge. Und gestern, als wir durch den Schneesturm marschierten, hörte ich es krachen, und wusste, nun ist es um diese Tanne geschehen. Du konntest es nicht hören, da du zu stark mit anderem beschäftigt warst.“ Dani hätte eigentlich viele Fragen offen. Nur weiss er nicht, wie er sie stellen soll, und vor allem, wie und warum er sich da einem wildfremden Menschen anvertrauen soll. So ziehen sie wortlos weiter. Die Hunde haben ihren Spass im Schnee, und folgen ihnen zur Hütte zurück. Bei der Hütte angelangt löst Chräbu die Knoten des Seils, und der Weihnachtsbaum liegt nun irgendwie verwaist im Schnee. Bis Chräbu das untere Ende des Weihnachtsbaumes hochhebt, und Dani befiehlt, das andere Ende hochzuheben. Gemeinsam wuchten sie nun den Weihnachtsbaum zur Tür und in die Hütte hinein. Natürlich hat sich der Chräbu verschätzt, und der Weihnachtsbaum ist etwas zu gross, als dass er in der Hütte hätte stehen könnte. Chräbu holt aus einer Kiste einen Ständer für Weihnachtsbäume, und aus dem Rucksack den Fuchsschwanz. Gemeinsam passen sie nun den Weihnachtsbaum mit Fuchsschwanz und einem Beil so an, dass er einerseits in den Ständer passt, und andererseits im Raum aufrecht stehen kann. Dabei sägen sie unten noch ein Stück vom Stamm ab. Danach spitzen sie das untere Ende des Stammes mit dem Beil so zu, dass er in den Ständer passt. Jetzt stellen sie den Weihnachtsbaum auf, und begutachten ihr Kunstwerk. Dani meint, dass er noch etwas schräg stehe, was sie gemeinsam korrigieren. Danach stellen sie den Weihnachtsbaum an seinen definitiven Platz, und freuen sich über ihre Arbeit. Chräbu klopft dem Dani auf die Schulter, und sagt: „Toll gemacht. Das Schmücken überlassen wir den Frauen. Die können das besser als wir. Komm, wir haben ein Bier verdient.“

Dani setzt sich an den Tisch, und Chräbu kommt mit zwei Dosen Bier und zwei Gläsern an den Tisch. Stellt das Bier und die Gläser auf den Tisch und setzt sich. Er öffnet seine Bierdose und giesst deren Inhalt in das eine Glas. Dazu meint er: „Bier direkt aus der Dose kann ich nicht trinken. Dazu brauche ich ein Glas.“ Jetzt öffnet auch Dani seine Bierdose und giesst deren Inhalt in sein Glas. Ja, wie soll er auch? Solche Rituale kennt er noch nicht. Und da macht er es halt so, wie es die Altherren machen. Sie prosten sich zu, und halten die Gläser in Richtung Weihnachtsbaum. Fast gleichzeitig sagen sie: „Auf unseren Weihnachtsbaum!“ Jetzt trinken sie einen tiefen Schluck aus ihren Gläsern. Danach wischen sie sich den Schaum von der Oberlippe, respektive aus dem Schnauz. Das Gespräch dreht sich um das soeben erlebte, und dass dieser Weihnachtsbaum das Abenteuer wert ist, das sie soeben erlebt haben.

Dani ist es sich nicht gewohnt, so früh am Morgen Bier zu trinken. Ja, es ist ja auch erst zehn Uhr. Aber irgendwie hat er das Gefühl, dass das so sein muss, und dass sie es verdient haben, jetzt ein Bier zu trinken. Nach dem letzten Schluck sagt Chräbu etwas unmotiviert: „Wir haben noch einen anderen Job. Das Holz im Schopf muss noch gesägt, gespalten und aufgeschichtet werden. Sonst frieren wir hier bald an den Hintern!“ Er schaut rüber zu den Hunden, die bei den Schlafstellen am Boden liegen und beide dösen. Dazu meint er: „Ja, ein Hund sollte man sein. Dann kannst du den ganzen Tag verpennen.“ Chräbu steht auf, nimmt die Gläser und die Bierdosen, und geht zur Kochnische. Die Bierdosen zerknüllt er, und legt sie in einen Papiersack. Die Gläser spült er mit Wasser aus, und stellt sie zum Spültrog. Mit einem Handtuch trocknet er sich die Hände ab. Zu Dani gewendet sagt er nun: „Also, gehen wir“, und verlässt den Raum. Dani steht nun auf und folgt dem Chräbu. Er sieht noch, wie Chräbu im Raum der Hütte verschwindet, in der das Durcheinander mit Holz ist. Also, hier müssen wir nun Ordnung schaffen! Geht es dem Dani durch den Kopf. Etwas unmotiviert folgt er ihm. Denn man hätte den Nachmittag auch anders verbringen können. Doch was soll’s. Diesen Chräbu betrachtet er als einen tollen Freund, und ist froh, in seiner Nähe zu sein. Und dafür folgt er ihm auch dorthin, wo es etwas zu tun gibt.

Chräbu teilt nun die Arbeit ein, und zeigt dem Dani, wo er die Holzscheiter aufstapeln soll, die Chräbu mit Sägen und Spalten erstellt. Und bald haben sie sich gefunden, und Arbeiten bald einmal Hand in Hand. Schon bald fallen die ersten Sprüche, was die Arbeit etwas auflockert.

Stini kommt mit einem Stapel Kartonschachteln daher, und stellt sie auf den Tisch. Zu Martina und Chrigi gewandt fragt sie: „Wie wäre es, wenn ihr zwei den Weihnachtsbaum schmücken würdet?“ Martina stottert: „Ehm ja, warum nicht.“ Denn es liegen bereits Jahrzehnte zurück, in denen sie das letzte Mal einen Weihnachtsbaum schmückte. Das war damals noch mit ihrer Mutter. Und mit Chrigi hat sie noch nie einen Weihnachtsbaum geschmückt. Sie wurden ja immer zur Weihnachtsfeier eingeladen, und mussten sich nicht um die Dekoration kümmern. Alles war jeweils bereits erledigt, als sie am Ort der Weihnachtsfeier eintrafen. Und jetzt sollen sie diesen Job übernehmen. Ja, schauen wir mal.

Chrigi öffnet die Kartonschachteln. Deren Inhalt entpuppt sich in Form von Weihnachtskugeln, die jede einzeln in Seidenpapier eingewickelt ist. Sowie allerlei Kerzenhalter, die an die Tannenäste geklemmt werden konnten. Martina und Chrigi packen nun die Gegenstände aus den Kartonschachteln, und hängen sie an die Äste des Weihnachtsbaumes. Aber irgendwie haben sie das Gefühl, dass das nicht funktionieren kann. So montieren sie alles wieder von den Ästen ab. Martina beginnt nach dem dritten Anlauf zu fluchen. Soll’s doch der Teufel holen. Ich bin nicht mal mehr im Stande, einen einfachen Weihnachtsbaum zu schmücken. Es ist weniger der Ärger wegen dem Weihnachtsbaum. Vielmehr kommt der Ärger in der Klinik, in der sie als Kinderärztin tätig ist, wieder hoch. Nicht’s ist richtig, was sie anpackt. Im Gegenteil, alles läuft schief. Dabei möchte sie doch nur das Wohl aller erreichen. Gesunde Kinder und glückliche Eltern. Aber das ist in unserer Gesellschaft, in der sich nur noch alles um Gewinn dreht, nicht mehr gefragt. Am liebsten wäre sie laut schreiend in den Schnee heraus gerannt, und hätte sich irgendwo versteckt. Sie fühlt sich elend und klein. Wie jemand, der alles falsch macht, und von den Mitmenschen nur getreten wird. Auch haben sich viele vermeintliche Freunde von ihr abgewandt. Sie hat das Gefühl, als stehe sie nun völlig allein auf der Welt, und niemand ist da, um ihr zu helfen.

Während sie noch ihren Sorgen nachhängt, hört sie plötzlich, wie Chrigi etwas entnervt sagt: „So kommen wir nie an ein Ziel, wenn wir beide einfach drauflos pfuschen. Wir brauchen ein Konzept. Und das sofort.“ Chrigi nimmt eine Zeitung, die auf der Holzkiste lag. Darauf zeichnet sie mit einem Filzstift einen etwas abgerundeten Strich. Dazu meint sie: „So, das ist ein Ast dieser Tanne. Und jetzt müssen wir bestimmen, wo die Kugeln kommen, und wo die Kerze hinkommt. Und dann halten wir uns daran. Alles andere funktioniert nicht!“ Chrigi schaut Martina ins Gesicht, und fragt: „Hast Du verstanden?“ „Ja, was hast du gesagt?“ Fragt nun Martina. Sie ist immer noch zu tief in ihren Gedanken versunken.

Chrigi erklärt Martina nochmals, was sie sich vorstellt, und fragt sie danach: „Hey, ist alles OK mit dir?“ Martina antwortet: „Was soll schon Ok sein auf dieser verdammten Kugel. Aber lass uns mal deinen Vorschlag anschauen.“

Gemeinsam beugen sie sich über die Zeitung, und beginnen ihre Ideen und Vorschläge einzubringen. Die Zeitung verliert einige Seiten an Papier, und irgendwann sind sich die beiden einig, nach welchen Regeln ein Ast des Weihnachtsbaumes geschmückt werden soll. Und genau so schmücken sie nun den Weihnachtsbaum. Egal, ob das den Regeln der Weihnachtslogik entspricht. Sie haben sich für ein System entschieden und sich dazu geeinigt. Und nur das zählt. So schaut der Weihnachtsbaum bald einmal viel schöner aus. Und beide sind stolz, dass sie es doch noch hinkriegten.

Sie betrachten nochmals ihr Kunstwerk, freuen sich über das erreichte, und klopfen sich gegenseitig auf die Schulter. Denn das ist schon jetzt der schönste Weihnachtsbaum, den sie je gesehen haben. Das sind sie sich einig.

Stini kommt nun in den Raum und schaut sich das ganze an. Bewundernd schaut sie den Weihnachtsbaum an. Mit der rechten Hand bildet sie eine Faust, und reckt den Daumen in die Höhe. Dabei sagt sie: „Super. Good Job.“ Mehr sagt sie nicht. Sie dreht sich um, und räumt die Schachteln mit dem übrig gebliebenen Weihnachtsschmuck weg. Martina und Chrigi schauen einander etwas enttäuscht an. Denn sie hätten eigentlich ein besseres Kompliment erwartet. Und nicht bloss so eine amerikanische, nichts sagende Floskel. In diesem Moment betreten Chräbu und Dani den Raum. Ihre Kleidung ist voll mit Holzsplitter bespickt. Dani meint noch: „Wer keine Spriessen in den Händen hat, ist ein fauler Hund!“ Chräbu klopft ihm auf die Schulter und bestätigt: „Genau. So ist das. Die müssen wir nun mit einem Bier heraus spülen.“ Chräbu kommt mit zwei Dosen Bier an den Tisch, und gibt eine dem Dani. Gemeinsam öffnen sie die Bierdosen und prosten einander zu. Nach einem Schluck aus der Bierdose schüttelt sich Chräbu. Er geht zur Kochnische, und kommt mit den Gläsern zurück, die sie bereits am Vormittag verwendet haben. Sie giessen den Inhalt der Bierdosen in die Gläser, prosten sich nochmals zu, und setzen sich an den Tisch.

Dani schaut sich den Weihnachtsbaum an, und sagt dann: „Hey, die haben sich aber auch Mühe gegeben. Schau mal!“ Chräbu dreht sich um, schaut den Weihnachtsbaum an, und sagt dann grinsend: „Super. Good Job!“

Alle schauen nun den Chräbu vorwurfsvoll an. Hat denn der dazu nicht mehr zu sagen? Genussvoll nimmt er nun einen Schluck Bier. Wischt sich den Schaum aus dem Schnauz und stellt das Bierglas auf den Tisch. „Ja, was hat die Stini dazu gesagt?“ Chrigi antwortet traurig: „Super. Good Job…“ Darauf antwortet Chräbu: „Ja, das ist eben Stini. Sie kann ihre Emotionen nicht zeigen. Und schon gar nicht jemandem, der etwas super gemacht hat, zeigen, wie toll sie seine Arbeit findet. Daher: ‚Super. Good Job‘ ist als höchstes Kompliment zu betrachten, das du von ihr erhalten kannst. Nehmt es nicht zu tragisch. Denn der Weihnachtsbaum schaut jetzt schon wunderschön aus. Und wenn dann in der Nacht die Kerzen brennen, schaut er noch tausendmal hübscher aus. Ich jedenfalls Gratuliere den Damen zu ihrem tollen Ergebnis.“ Er nimmt sein Bierglas, hebt es in Richtung Weihnachtsbaum und prostet ihm zu.

Etwas verlegen reibt sich Chrigi den Handrücken ihrer rechten Hand. Chräbu sieht, dass sie stark blutet. Chrigi sagt: „Ist nicht so schlimm.“ Doch der Chräbu geht zur Kochnische, holt zwei Dosen Bier aus einer Kartonkiste, und klaubt einen Verbandskasten hervor. Damit kommt er zurück zur Chrigi. Er gibt je eine Dose Bier der Martina und der Chrigi. Etwas belustigt sagt er zur Chrigi: „Hey Du musst ein Bier trinken. Denn Hopfenperle verbindet!“ Ja, was Werbungen so alles für Sprüche generieren können. Interessiert schauen alle zu, wie Chräbu Chrigi’s Hand erst desinfiziert und danach verbindet. Ein Arzt hätte es nicht besser machen können. Stini schaut dem ganzen eine Weile zu und denkt dann, was ein Charmeur der Chräbu auch sein kann. Der kennt wirklich nichts, wenn es darum geht, eine Dame für seine Interessen zu gewinnen.

„So, diese Pfote wird bald geheilt sein. Ist ja nur eine tiefe Fleischwunde, die rasch heilen wird.“ Mit diesen Worten schliesst Chräbu den Verbandskasten, und versorgt ihn wieder in der Kochnische. Chrigi betrachtet nun den Verband, und denkt, dass sie das als Medizin-Studentin nicht besser hätte hinkriegen können.

Chräbu macht sich in der Kochnische zu schaffen. Stini kommentiert das ganze wie folgt: „Ja, wer eine grosse Klappe hat, und die Wette verliert, muss für das leibliche Wohl sorgen. Gell Chräbu?“ Chräbu antwortet etwas bedrückt: “Jo, des is e so.“

Stini kommt mit einer Flasche Absinthe aus dem anderen Raum, stellt sie auf den Tisch, und sagt dann: „Ja, wenn wir schon im Jura sind, dann bitte schön, auch den passenden Aperitif.“ Sie holt die passenden Gläser und einen Krug mit eiskaltem Wasser zum Tisch. Giesst jeweils ca. einen Centimeter hoch Absinth in die Gläser, und füllt sie anschliessend mit dem eiskalten Wasser. Chräbu kommt mit verschiedenen Tüten voll Aperogebäck zum Tisch, und schnappt sich ein Glas mit dem Absinth. Die anderen schnappen sich nun auch eines dieser Gläser. Wobei Martina und ihre Kinder nicht wissen, worauf sie sich da wieder einlassen. Chräbu hebt nun sein Glas und sagt laut: „Möge uns die grüne Fee ein tolles Weihnachtsfest bescheren!“ Gemeinsam prosten sie sich zu, und nehmen dann einen tollen Schluck von dem Gesöff. Dani und Chrigi zeigen dabei keine Reaktionen. Nur Martina dreht es fast den Magen um, als sie den Absinth herunter würgt. Ihr kommen wieder die Erinnerungen hoch, als sie in Südfrankreich mit Pastis einen Absturz erlebte. Man, war das eine Blamage. Vor all den Fachleuten am Ärztekongress. Aber sie wollte einfach die Probleme ersäufen. Nur, das geht nicht, die können ja bekanntlich Schwimmen.

Während Martina noch versucht, sich zu beherrschen, öffnet sich die Eingangstüre, und ein komischer Kauz betritt den Raum. Ihm folgt tief schnaufend und völlig ausser Atem, ein Herr im mittleren Alter. Der komische Kauz schaut sich im Raum um, und hebt nach einer Weile beide Arme in die Höhe, und sagt dann zu Martina, Chrigi und Dani: „Grüss Gott, ihr lieben Leute. Ich bin der David. Vor mir müsst ihr keine Angst haben.“ Er zeigt auf den Mann den er mitgebracht hat, und stellt ihn dann vor: „Und das ist der Giusi aus dem Südtirol. Eine arme Seele, die ich unterwegs aufgelesen habe. Ihr stellt euch am besten gleich selber vor.“ Zu Chräbu gewannt ruft er: „So, mach mal. Lasst uns Weihnachten feiern. Und sorge dafür, dass wir etwas rechtes zwischen die Zähne kriegen!“ Zu Stini gewandt ruft er: „Und für uns zwei, zwei von Deinem Rattengift. Ist es zu stark, bist du zu schwach. Oder wie ging das schon wieder?“ Und etwas leiser: „Aber, das hat irgendwie mit Fischen zu tun.“

Chräbu wendet sich wieder dem Abendessen zu. Stini bereitet zwei Absinth zu, und gibt die Gläser dem David und Giusi. Die beiden prosten sich zu, und stossen auch mit den anderen in der Hütte an. David witzelt noch, während sie den Aperitif trinken: „Ihr könnt euch glücklich schätzen. Heute Abend gibt es etwas ganz spezielles. Es schaut aus wie etwas zwischen Ragout und Gulasch. Ist aber saumässig gut. Das Rezept hat er zwar von seiner Mutter, aber vieles wieder vergessen. So bastelt er halt irgendetwas zusammen. Aber er macht es hervorragend. Also freut euch darauf.“

Nun ruft der Chräbu, dass die Vorspeise angerichtet wird. Er bringt allen einen Teller mit der Vorspeise, die aus einem Blatt Kopfsalat besteht, das als Unterlage dient. Darauf verteilt sind Rauchlachs-Tranchen, umrahmt von Meerrettichschaum, Knoblauch, Zwiebeln und Cherry-Tomaten. Und das ganze ist mit einem Dressing von Zitrone, Olivenöl sowie Salz und Pfeffer gewürzt. Dazu gibt es frischen Zopf. Das allein ist schon ein Festessen. Wie kann man das nun noch topen?

David beantwortet diese Frage gleich umgehend: „Schade, jetzt hat er das beste bereits wieder am Anfang aufgetischt. Was nun folgt, ist nur noch zweiter Klasse.“ Wobei er das ganze mit einem Lächeln im Gesicht sagt. Stillschweigend geniessen alle diese Vorspeise.

Als alle vor einem leeren Teller sitzen, ruft der David: „Stini, Chräbu, können wir uns noch dem geschäftlichen Teil zuwenden? Wir treffen uns im Holzschopf!“ Und sofort ziehen sich die drei in den Raum zurück, in dem Dani mit dem Chräbu das Holz aufgeräumt hat. Die anderen bleiben an ihrem Platz sitzen. Nur Martina steht plötzlich auf, geht zur Kochnische, und kümmert sich um das, das da in den Pfannen schmort, und meint dann: „Hei, geht es noch? Einfach davonlaufen! Das Zeugs brennt ja an.“ Und sie rührt in der Pfanne mit dem Fleisch. Als die Pfanne mit den Teigwaren zischend überkocht, stellt sie die Pfanne bei Seite wo sie nicht mehr direkt über dem Feuer steht. Sofort beruhigt sich das ganze.

Martina wird es nun bewusst, dass sie zwar geistesgegenwärtig reagiert hat. Doch erinnert sie sich gleichzeitig daran, wie sie als kleines Mädchen im Südtirol der Nona beim Kochen half. Denn in ihrem Haus gab es auch nur einen Kochherd, der mit Holz befeuert wurde. Daher hatte sie alles im Griff mit der Kocherei. Nun überlegt sie sich, wie sie das Essen servieren soll. Denn es fehlt an Schüsseln. Und einfach die Pfannen auf den Tisch stellen. Ja, das geht doch an Weihnachten nicht. Das ist doch ein Festessen. Da muss es doch ein wenig anders sein.

Während Martina noch so überlegt, steht plötzlich der Chräbu neben ihr. Ohne Worte packt er die Pfanne mit dem Fleisch und stellt sie auf den Tisch. Jetzt legt er einen Deckel auf die Pfanne mit den Teigwaren, und schüttet das Wasser ab. Danach gibt er Butter zu den Teigwaren, und rührt sie nochmals um. Anschliessend stellt er auch diese Pfanne auf den Tisch.

Mit einem Lächeln schaut er Martina in die Augen. Er legt seinen rechten Arm um die Schultern von Martina, packt mit der Hand ihren Oberarm. Zieht Martina ein wenig zu sich hin, und flüstert ihr dann ins Ohr: „Es kommt alles gut, wenn du nur willst. Versprochen.“

Jetzt ist Martina komplett verwirrt. Was soll das ganze? War das eine plumpe Anmache, oder steckt da mehr dahinter? Chräbu führt nun Martina an ihren Platz am Tisch und sagt dann ganz zärtlich: „Lass uns nun Weihnachten feiern. Alles andere besprechen wir dann Morgen.“ Wie in Trance setzt sich Martina an den Tisch und schaut ihre Kinder an. Die haben sich bereits aus den Pfannen geschöpft, und warten eigentlich nur noch auf das Zeichen, dass man mit dem Essen beginnen kann. Sie lächeln ihr zu, als wäre alles ganz normal. Wenn die nur wüssten, was da soeben mit ihr geschah. Das darf doch nicht wahr sein. Aus ihren Gedanken erwacht sie, als ihr Stini einen Teller mit Fleisch und Teigwaren hinstellt. Auch Stini lächelt dabei. Als sie aufblickt, sieht sie, dass bereits alle am Tisch sitzen und einen Teller mit Fleisch und Teigwaren vor sich haben.

Jetzt klopft der David mit der Faust dreimal kräftig auf den Tisch. Etwas erschrocken schauen alle, ausser Chräbu und Stini, zum David hin. Denn Stini und Chräbu haben bereits ihre Hände zum Gebet gefaltet. Die Ellbogen auf den Tisch gestützt, und den Kopf auf die Hände aufgestützt. David sagt mit fester Stimme: „Lasst uns nun Weihnachten feiern. Doch zuerst wollen wir unseren Herrn anrufen, auf dass wir uns für das Essen bedanken. Und wir wollen ihn um Kraft bitten, auf dass wir die Aufgaben meistern, die er für uns ausgesucht hat. Einen kleinen Teil haben wir bereits geschafft. Denn wir haben uns im Schneesturm verirrt, und trotz allem darum gekämpft, dass wir das Abenteuer überleben. Zwei Freunde haben uns gefunden, und uns in diese Hütte geführt. Dass wir immer noch hier sind, zeigt uns, dass wir an die beiden glauben und ihnen vertrauen. So lasst uns im Stillen, jedes für sich, mit unserem Herrn das besprechen, das uns im Moment bedrückt.“

Martina stützt die Ellbogen auf den Tisch. Die rechte Hand ballt sie zur Faust, und mit der linken Hand umschliesst sie die Faust. Den Kopf legt sie nun mit dem Kinn auf die Hände. Sie starrt auf den Tisch. Denn ihr ist alles ein Rätsel. Der David ist doch erst seit kurzem hier. Aber wieso weiss er, was gestern geschah? Und was sind das für Aufgaben, die uns der Herr ausgesucht hat? Ja, sie weiss. Religiös ist sie schon lange nicht mehr, und wann sie das letzte mal gebetet hat, weiss sie auch nicht. Sie könnte jetzt ihre Sachen zusammen packen und diesen scheinheiligen Ort mit ihren Kindern zusammen verlassen. Aber irgendetwas sagt ihr, dass sie hier bleiben muss. Es ist nicht der Schnee und die Nacht da draussen. Es sind Stini und Chräbu, denen sie plötzlich vertraut. Und so hört sie sich plötzlich murmeln: „Chräbu, hilf mir. Ich kann nicht mehr. Mir fehlt die Kraft und der Willen. Und wenn ich an meine Zukunft denke, will ich nur noch sterben.“ Unverzüglich schaut sie den Chräbu an, der ihr gegenüber sitzt. Er schaut ihr erst tief in die Augen, dann zwinkert er mit einem Auge und nickt mit dem Kopf. Jetzt ist sie irgendwie erleichtert. Und all die Sorgen sind plötzlich nicht mehr so gross. Stini, die neben ihr sitzt, legt ihr die Hand auf die Schulter und flüstert: „Jetzt hast du zwei Freunde fürs Leben gefunden. Vertraue uns, und alles kommt gut!“ Und um das ganze zu bestätigen, nickt Stini dazu noch mit dem Kopf.

Nach einer Weile ruft David etwas belustigt: „Hey Jungs, das Essen wird kalt!“ Was als Zeichen gilt, nun mit dem Essen zu beginnen. Alle geniessen das Abendessen, und schon bald sind die Pfannen leer, und alle satt. Es wurde nicht viel gesprochen. So gut schien das Essen zu sein. Und so nimmt Martina das als Zeichen, aufzustehen und das Geschirr zusammenstellen, als Chräbu den Vorschlag macht: „Waschen wir zuerst das Geschirr ab, bevor wir uns dem Dessert widmen. Oder was meint ihr dazu?“ Er schaut in die Runde, und alle nicken.

Martina trägt nun den Stapel mit den Tellern zum Schüttstein. Nimmt ein Becken von einem Hacken, und giesst warmes Wasser aus einer Pfanne, die auf der Herdplatte steht, in das Becken, und gibt noch ein paar Spritzer Abwaschmittel in das Wasser. Sie nimmt ein zweites Becken von einem Hacken, und giesst den Rest des warmen Wassers in das Becken. Mit kaltem Wasser füllt sie das Becken auf. In das erste Becken mit dem Abwaschwasser stellt sie nun den Stapel Teller, und beginnt die Teller mit einem Schwamm abzuwaschen. Jeden Teller, den sie abgewaschen hat, legt sie zuerst in das zweite Becken, und danach auf ein Holzbrett zum Abtropfen. Dani und Chrigi bringen das restliche Geschirr, Besteck und die Pfannen. Danach beginnen sie mit dem Abtrocknen des Geschirres. Chräbu steht auf und sagt: „Wenn man mir schon den Job klaut, kann ich mich ja ums Dessert kümmern.“ Er geht zum Kochherd und öffnet das Türchen, hinter dem man nur noch Glut sieht. Er legt zwei Scheiter Holz nach, und schon bald züngeln wieder Flammen aus dem Türchen. Chräbu schliesst das Türchen so, dass das Feuer noch genügend Sauerstoff erhält. Jetzt füllt er eine Pfanne mit kaltem Wasser und stellt sie auf den Kochherd. Das Wasser kocht bald einmal, und der Kaffee ist auch schnell gemacht. Chräbu verteilt Tassen und kleine Schüsseln auf dem Tisch. Unter grossem Jubel und Applaus bringt Stini ein grosses Frischhalte-Gefäss aus dem Holzschopf. Zwar weiss niemand, was sich darin befindet, aber alle gehen davon aus, dass darin das Dessert sein muss. Stini lächelt nur, und ruft dann: „Visiteschmieri! So heisst das bei uns.“ Chräbu lacht nun auch, und sagt dann: „Das ist Gebrannte Creme, für die, die das nicht kennen.“

Chräbu stellt den Landfrauenhydrant mit dem Kaffee auf den Tisch. Stini verteilt nun die Creme auf die kleinen Schüsseln so, dass etwa alle gleichviel davon erhalten. Chräbu witzelt noch: „Ja, brüderlich Teilen, und der Schwester geben wir nichts.“ Darauf antwortet Stini: „Hey, Junge pass auf! Sonst esse ich deinen Anteil auch.“ Chräbu schaut zu Stini hin und lächelt. Ja, die Stini. Die mag noch dumme Sprüche ertragen, solange sie nicht unanständig sind. Sonst kann sie verdammt zornig werden.

David geht nun zu seiner Schlafstätte und klaubt ein paar Flaschen aus einer Lücke in der Wand hervor. Er stellt die Flaschen auf den Tisch. Und aus einer Kartonschachtel entnimmt er Weissweingläser, von denen er jedem eines hinstellt. Dazu gibt er den folgenden Kommentar ab: „Ja, wir haben’s verdient. Und den Kaffee kann man doch nicht so trocken trinken. Gell Giusi!“ Giusi stottert so etwas wie: „Ja, richtig. Ehm, so is des. So soll es sein.“ Alle decken sich mit Kaffee und Schnaps ein.

Martina stellt zwei Teller mit Biskuits auf den Tisch, und sagt dabei: „Man kann doch diese Creme nicht so trocken herunterwürgen.“ Alle lachen und klatschen. Stini und Chräbu schauen sich an, und sind froh, dass Martina nun den ersten Schritt gemacht hat. Will heissen, dass sie im Moment nicht mehr an ihre Probleme denkt, sondern nun in der Realität angekommen ist, und mit uns allen Weihnachten feiert.

Nun meldet sich Giusi: „Zum Dessert könnte man doch den Weihnachtsbaum anzünden.“ Chräbu nimmt das ganze als Befehl war, und steht auf. Mit einer Zange nimmt er ein brennendes Holzscheit aus dem Kochherd und geht in Richtung Weihnachtsbaum. Aufgeregt ruft nun die Chrigi: „Hey, was soll der Scheiss?“ Chräbu schaut sie an und meint etwas verlegen, indem er mit der linken Hand auf Giusi zeigt: „Aber er hat doch gesagt, den Weihnachtsbaum anzünden!“ Dann zeigt er auf das brennende Holzscheit, das er mit der Zange in seiner rechten Hand hält, und sagt weiter: „Und damit geht es am einfachsten…“ Chrigi, die nun ihr Kunstwerk von heute Nachmittag in Gefahr sieht, schreit etwas hysterisch: „Er meinte doch die Kerzen, du Depp!“ Chräbu muss nun lachen. Konnte er doch wieder einmal jemand aus der Reserve locken. Und so legt er das Holzscheit wieder zurück in die Feuerstelle. Chrigi und Martina zünden nun die Kerzen am Weihnachtsbaum an. Am Tisch löschen die dort sitzenden die Petrollampen und die Kerzen, und wie auf Kommando wird es automatisch still im Raum. Chräbu hebt die Chrigi hoch, damit sie auch die obersten Kerzen noch anzünden kann. Langsam stellt nun Chräbu die Chrigi wieder auf den Boden. Er klopft ihr zärtlich auf die Schulter und sagt: „Congratulation, good Job.“ Chrigi bläst das Streichholz aus und haut dann ihren rechten Ellenbogen in den Bauch von Chräbu. Dabei denkt sie sich nichts spezielles. Ein guter Freund hat sie angemacht, und das ist nun die Strafe dafür. Chräbu nimmt es gelassen. Das war die Reaktion, die er erwartet hat. Denn auch Frauen sollen sich wehren dürfen. Chräbu und Chrigi setzen sich nun an ihre Plätze am Tisch, wo auch sie sich mit Kaffee und Schnaps eindecken. Und plötzlich wird es wieder still. Irgendwie schauen alle zum Weihnachtsbaum. Aber jeder hängt irgendwie seinen eigenen Gedanken nach.

Martina denkt zurück an die Zeit als sie als kleines Mädchen jeweils an Weihnachten mit ihrer Mutter bei ihren Grosseltern im Südtirol war. Dort gab es jeweils auch so einen schönen Weihnachtsbaum, der so hell leuchtete, wenn Abends die Kerzen brannten. Die Weihnachtsgeschenke waren ihr weniger wichtig. Hauptsache war für sie, dass die Kerzen brennen, und wie Sterne in der Dunkelheit leuchteten. Dabei fällt ihr die Melodie eines Weihnachtslied ein, das sie jeweils sangen, als die Kerzen brannten. Doch der Text wollte ihr im Moment nicht einfallen. Macht auch nicht’s. Solange es hier so schön ist.

Chrigi schaut den Weihnachtsbaum an, ist überrascht, aber auch etwas stolz, dass sie ihr Konzept durchgezogen haben. Es ergeben sich aus den leuchtenden Kugeln und den brennenden Kerzen Figuren, die so eigentlich nicht vorgesehen waren. Aber gerade diese (un)geometrischen Figuren sorgen dafür, dass der Weihnachtsbaum als ganzes in seiner Schönheit strahlt und alle in seinen Bann zieht. Und wieder fragt sie sich, ob sie doch nicht gescheiter das Grafik-Studium weiter gezogen hätte, als mit dem Medizinstudium neu anzufangen, das sie nun absolviert. Schlussendlich denkt sie: „Nun, Kunst und Grafik kann man wegwerfen wenn es nicht passt. Menschen nicht. Und auch in der Humanmedizin sind gestalterische Fähigkeiten gefragt.“ So geniesst sie beruhigt den Moment.

Dani hat am Weihnachtsbaum eine Kerze entdeckt, die sich ganz speziell in den Kugeln um sie herum spiegelt. Die Kugeln werfen einerseits Lichtstrahlen in den dunklen Raum. Andererseits, wenn man das eine Auge schliesst, sieht man die Kerze in den Kugeln anders, als wenn man das ganze mit beiden Augen betrachtet. Und wenn man dazu noch etwas den Kopf bewegt, schaut es nochmals anders aus. So sitzt er an seinem Platz am Tisch, den Kopf auf die rechte Hand gestützt, und blinzelt dauernd mit seinen Augen. Dabei bewegt er jeweils seinen Kopf in verschiedene Richtungen. Zum Glück nimmt das niemand am Tisch wahr. Denn dann könnte man denken, dass er ein psychisches Problem hat. Dabei ist alles nur reine Physik. Oder so.

Jetzt meldet sich der David wieder auf seine Art: „Hey, der Weihnachtsbaum ist so schön! Am liebsten würde ich ihn doppelt sehen.“ Das wird als Zeichen dazu empfunden, dass man sich nun mit dem Dessert befassen soll. Alle nehmen ihr Weissweinglas mit dem Schnaps in die Hand und prosten sich gegenseitig zu. Dabei wünschen sie sich Frohe Weihnachten. Chräbu hat plötzlich wieder seinen Ahornsirup in der Hand, und ersäuft damit seine Creme. Dani schaut ihn etwas komisch an. Chräbu schiebt die Flasche mit dem Ahornsirup zum Dani hin. Dani packt die Flasche, schraubt den Deckel ab, und giesst sich eine tolle Menge in die Schüssel mit der Creme. Er schraubt den Deckel wieder auf die Flasche und stellt sie zurück auf den Tisch. Genau wie Chräbu rührt er nun das Gemisch aus Creme und Ahornsirup mit dem Kaffeelöffel um. Nun nimmt er aus einem Teller eine Hand voll Biskuit. Wie Chräbu tunkt er nun Biskuit um Biskuit in die Sosse vor ihm, und mit leisem Schmatzen und Schlürfen vertilgt er die Biskuits. Dazu nehmen Chräbu und Dani jeweils einen Schluck Kaffee und einen Schluck Schnaps. Bis ihr Schüsselchen leer ist. Da man mit dem Löffelchen nicht immer alles aus einer Schüssel kratzen kann, setzen die beiden nun den Zeigefinger der rechten Hand ein. Mit dem Finger wird das Schüsselchen ausgerieben. Und der Finger wird anschliessend in den Mund gesteckt und mit leisem Schmatzen abgeleckt.

Martina kann ihr lachen nicht mehr verbergen. Irgendwie kommen ihr die beiden vor, als würden sie da eine Clown-Nummer aufführen. Besser als in jedem Hollywood-Streifen. Ihr Lachen steckt zuerst Stini, und danach auch Chrigi, an. Und um das ganze noch zu topen, beginnen alle drei ihre Creme zu essen, in dem sie laut schmatzen und schlürfen. Doch die beiden Herren reagieren nicht darauf. Auch reiben sie am Schluss ihre Schüsselchen mit den Finger aus, und lecken diese laut schmatzend ab. Auch das bringt die beiden nicht aus der Ruhe. Zufrieden stossen sie die Schüsselchen in die Mitte des Tisches und füllen ihre Weissweingläser wieder mit Schnaps auf. Sie halten sich die Gläser vor die Brust. Dani sagt selbstsicher: „Ex, oder an die Wand!“ Chräbu entgegnet: „Bist du Lebensmüde?“ Chräbu führt sein Glas an seinen Mund, und leert es in einem Zug. Er zeigt auf Dani: „Und jetzt du!“ Dani führt das Glas an seinen Mund, und nimmt einen grossen Schluck. Kaum hat er das Gesöff im Mund, verdreht er bereits die Augen, und Tränen kullern über seine Backen. Chräbu ruft dazu: „Los, runter damit. Ist er zu stark, bist du schwach!“ Dani muss sich zusammen nehmen. Nur mit Mühe kann er das verdammte Feuerwasser runter würgen. Keuchend zieht er ein Papiertaschentuch aus seiner Hosentasche, putzt sich die Nase und reibt sich die Tränen von den Wangen. Er schnappt sich ein Glas mit Wasser, und leert es in einem Zug. Verdammt, auf was hat er sich da wieder eingelassen? Chräbu schaut ihn lächelnd an, und meint: „Mach dir keine Sorgen, kann passieren. Du hast nicht bemerkt, dass ich die Flaschen schnell ausgewechselt habe. Sei also vorsichtig und beobachte deine Umgebung genau. Sonst kann es dir so wie jetzt ergehen.“ Dani schaut den Chräbu nickend an. So, als hätte er verstanden.

Giusi kommt plötzlich mit einer Gitarre daher, und drückt sie dem Chräbu in die Finger. Chräbu schaut zum David hin, und weiss, um was es geht. Denn der David ist gerne unter Leuten, die Singen. Was ist eigentlich weniger wichtig. Hauptsache, sie Singen.

Und so singen sie ein Weihnachtslied nach dem andern. Chräbu begleitet sie auf der Gitarre. Das geht so lange, bis niemandem mehr ein Weihnachtslied einfällt, das sie bereits noch nicht gesungen hatten. So schlägt nun der Chräbu andere Töne an, und schon bald ertönen alte Schlager, Pop- und Country-Songs durch die Nacht. Alle singen mit voller Kehle mit. Und zwar so laut, wie es nur geht. Irgendwie ist das ganze auch eine art Therapie. So nach dem Motto: „Schrei dir deine Sorgen von der Seele.“ Nur Chräbu hat ein Problem. Denn dauernd reisst ihm eine Saite, und Ersatz hat er keinen dabei. So begleitet er halt diesen Chor mit nur noch drei Saiten auf seiner Gitarre. Aber die Leute singen alles aus voller Brust, dass sie nicht mitbekommen, dass die Gitarrenbegleitung nicht mehr richtig tönt. Aber der Rhythmus des jeweiligen Songs ist noch zu hören. Und das reicht.

Das geht so durch bis nach Mitternacht. Irgendwann legt Chräbu die Gitarre zur Seite und steht auf. Geht zur Kochnische, und kommt mit einem Sixpack Bier zurück. Schneidet mit einem Messer die Plastikverpackung auf, und stellt jedem eine Dose Bier hin. Dazu meint er: „So, wir hatten eine tolle Weihnachten. Lasst uns noch einen Schlummerbecher nehmen, und dann ab in die Penntüte! Morgen ist auch noch ein Tag.“ Gemeinsam öffnen sie die Bierdosen. Einige giessen das Bier in die Gläser, aus denen sie vorher Wein getrunken haben. Andere trinken das Bier direkt aus der Dose. Irgendwie ist es wieder still geworden. Man hört nur die Geräusche, die beim trinken entstehen. Aus dem Kochherd hört man das Knistern des brennenden Holzes. Da am Weihnachtsbaum langsam die Kerzen ausgehen wird es dunkel im Raum, was eine mystische Stimmung verbreitet. David steht nun auf, und zündet eine Petrollampe an. Die stellt er mitten auf den Tisch. Das bewirkt, dass im Raum lange Schatten entstehen, was die ganze Stimmung noch gespenstischer macht. Er setzt sich wieder auf seinen Platz und klopft wieder dreimal mit der Faust auf den Tisch. Danach sagt er mit ernster Stimme: „Wir hatten ein tolles Weihnachtsfest. Gutes Essen, genügend zum trinken, und unsere Sorgen konnten wir uns von der Seele singen. Lasst uns nun noch einen Moment inne halten um den letzten Kummer loszulassen. So, dass wir anschliessend sorgenfrei schlafen können. Morgen haben einige von uns wichtige Entscheidungen zu treffen. Und dazu brauchen wir einen klaren Kopf.“

Chräbu nimmt einen Schluck aus seinem Glas. Auch Stini nimmt einen Schluck aus ihrer Bierdose. Dabei schaut sie gedankenverloren zur Chrigi. Sie fragt sich, ob die Chrigi den Aufgaben gewachsen ist, die nun auf sie warten. Und wie kann sie sie dabei nur unterstützen. Es kommt wie es kommen soll. Also ohne Vertrauen und Zuversicht geht das nicht. Sie will, wie ihr heute aufgetragen wurde, die Chrigi auf ihrem Weg unterstützen. Das hat sie versprochen.

Chräbu schaut gedankenverloren auf den Tisch. Aus Frauen hat er sich nie etwas gemacht. Ja, ab und zu ein Flirt. Warum nicht? Aber mehr nicht. Er ist lieber frei und ungebunden. Mit Kühen und Pferden kennt er sich besser aus. Und Männer kann er besser führen als Frauen. Aber Morgen soll er Martina davon überzeugen, hier alles liegen zu lassen, und in einem Tal im Südtirol etwas neues aufzubauen. Nun, er hat es dem David versprochen. Also, Kopf runter und durch.

Martina senkt ihren Kopf und faltet ihre Hände zum Gebet. In Gedanken spricht sie dabei: „Lieber Gott, Du kennst alle meine Sorgen und Probleme. Ich lege sie nun in Deinen Schoss, auf dass Du mir dabei hilfst, da etwas zu ändern. Das wäre das beste, das mir geschehen kann. Für das tolle Weihnachtsfest und die lieben Freunde will ich mich bei Dir bedanken. Auch im Namen meiner Kinder Chrigi und Dani. Danke vielmals.“ Fast automatisch bekreuzigt sie sich. Jetzt erschrickt sie eine wenig, und schaut sich um. Aber scheinbar hat niemand mitbekommen, dass sie soeben gebetet hat. Alle sind mit sich selbst beschäftigt. Vor allem wundert sie sich, dass sie nun plötzlich gebetet hat. Denn das hat sie schon lange nicht mehr gemacht. Sie nimmt einen Schluck aus ihrer Bierdose, und stellt sie wieder leise auf den Tisch. So, dass sie dabei niemanden stört. Wenn sie nur wüsste, was sie Morgen für eine Entscheidung fällen muss.

Dani ist wieder in seiner Traumwelt. Er sieht sich bereits wieder als Pilot eines Kampfjets am Himmel herumfliegen. Was sein grosses Ziel ist. Dafür will er auf alles andere verzichten, und die Ausbildung durchziehen, zu der er kürzlich angefangen hat. Dabei wäre es gar nicht so schlecht, wenn ihn dabei jemand unterstützen würde. Unweigerlich schaut er zum Chräbu hinüber. Der hebt bloss sein Glas, lächelt und prostet ihm zu. Dani hebt nun auch seine Bierdose, und prostet zurück. Gemeinsam nehmen sie einen Schluck Bier. Dani stellt die Bierdose zurück auf den Tisch. Und irgendwie hat er das Gefühl, dem Chräbu wieder etwas näher gekommen zu sein.

Chrigi schaut in ihr Glas und beobachtet die Blasen, die da im Bier hochsteigen. Sie fragt sich, wieso sie denn bloss das Grafik-Studium fallen liess, und sich nun der Medizin widmet. Wo das hinführen kann sieht man ja bei ihrer Mutter. Wenn sie nur wüsste, wie sie ihr helfen kann. Sie hat sich in letzter Zeit nur mit sich selbst beschäftigt. Für jemand anders hatte sie keine Zeit. Somit hat sie auch ihre Mutter vernachlässigt. Das wird ihr jetzt bewusst. Verlegen schaut sie zur Martina hinüber. Gewissensbissen steigen in ihr auf. Zum Glück sieht das Martina im Moment nicht. Es wäre ihr peinlich. Und wie entschuldigt man sich für sowas? Sie nimmt einen Schluck Bier aus ihrer Dose. Die Dose stellt sie nicht zurück auf den Tisch. Sie behält sie in der rechten Hand. Mit der linken Hand stützt sie ihren Kopf an der Stirne auf und schaut auf den Tisch. Das Grafik-Studium hätte sie mit links geschafft. Aber jetzt bei der Medizin schaut es anders aus. Das ganze Fachchinesisch, sorry Latein, bereitet ihr Mühe. Entweder verwechselt sie das ganze, oder vergisst es gleich wieder. Wo ist denn da die Logik dahinter? Das hat sie noch nicht herausgefunden. Ganz in Gedanken versunken spürt sie, wie sich eine Hand auf ihre rechte Schulter legt, und sie zart zu sich hinzieht. Sie schaut hoch, und sieht neben sich Stini, die sie zu sich hinzieht. Sie stellt die Bierdose auf den Tisch und legt sich vertrauensvoll in ihre Armen. Ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit durchdringt nun ihren Körper. Sie geniesst den Moment. Dabei hört sie Stini flüstern: „Hey, Kopf hoch. Du schaffst das. Und ich werde dir dabei helfen. Denn du wirst noch gebraucht.“ Stini streicht ihr dabei mit der rechten Hand übers Haar. Dann lassen sie sich los. Chrigi weiss nun, dass die Stini jetzt für sie da ist, und sie unterstützt. Das macht ihr Mut und Zuversicht. Und die Welt schaut nun etwas rosiger aus.

Plötzlich meldet sich David und meint: „So ihr lieben, in 15 Minuten ist Lichterlöschen. Also husch husch in die Federn!“ Als wäre es ein ernst zu nehmender Befehl, trinken alle noch ihr Bier aus. Stehen dann auf und räumen die Gläser, Bierdosen und Flaschen vom Tisch. Und fast gleichzeitig begeben sich alle Richtung Plumpsklo. Da greift der Chräbu ein, und sagt: „Hey Jungs, das Cabinetti überlassen wir den Frauen. Männer daher.“ Er geht ein paar Schritte weg und ruft dann in militärischem Ton: „Männer, auf ein Glied Sammlung!“ Alle Männer stellen sich nebeneinander in einer Reihe auf. Nun ruft der Chräbu wieder: „Es wird jetzt nur auf mein Kommando gepinkelt!“ „Deeetachement, auspacken!“ Und nach einer Weile: „Deeetachement, laufen lassen!“ Alle pinkeln nun in den Schnee. Jetzt ruft der Chräbu: „Deeetachement, Einpacken!“ Da meldet sich der Dani: „Hey, ich habe noch nicht fertig“ Chräbu antwortet etwas verschmitzt: „Und ich sagte einpacken.“ Darauf: „Befehl zurück! Rekrut Dani, melden sie sich, wenn sie soweit sind!“ Kurz darauf meldet sich der Dani: „Hauptmann, Rekrut Dani, ich bin nun so weit!“ Darauf Chräbu: „Deeetachement, einpacken!“ Und anschliessend: „Deeetachement, ab ins Nest. Schlafen sie gut!“ Worauf sich alle umdrehen und wieder zur Hütte zurück gehen.

Alle begeben sich zu ihren Schlafplätzen, und richten sich für die Nacht ein. Martina macht es sich in ihrem Schlafsack bequem, und schon bald schläft sie ein. Sie kriegt nicht mehr mit, dass die andern noch zusammenstehen und Schnaps trinken. Ja, die Zähne wollen ja schliesslich auch desinfiziert werden.

Doch schon bald liegen alle in ihren Schlafsäcken. Die Lichter sind gelöscht, und durch die Fenster scheint etwas Mondlicht, was in dem Raum in der Hütte eine etwas gespenstische Stimmung erzeugt. Alle schlafen tief und fest. Man hört nur die Geräusche, die entstehen, wenn mehrere Personen beim Schlafen regelmässig tief atmen. Ja, bis auf zwei. David und Chräbu schnarchen wie wild um die Wette, als hätte jeder eine Kettensäge in der Hand, und es gehe darum, wer in kürzester Zeit am meisten Bäume umsägt. Einzig die Hunde schauen die beiden noch lange an, und denken wohl, wie gut es wäre, wenn man diesen Raum verlassen könnte. Aber bald schlafen auch sie.

25. Dezember, Tag der Entscheidung

Martina erwacht und schaut sich um. Der Raum kommt ihr mittlerweile vertraut vor. Chrigi und Dani sind bereits aufgestanden. Sie spielen draussen mit den Hunden. David und Giusi scheinen noch zu schlafen. Stini liegt noch in ihrem Schlafsack auf ihrem Schlafplatz, und schaut Richtung Kochnische, wo Chräbu damit beschäftigt ist, das restliche Geschirr vom Vorabend abzuwaschen. Sie verhält sich ganz still, und wenn Chräbu zu ihr rüber schaut, so, als würde sie noch schlafen. Martina dreht sich leise so hin, dass sie nun auch bequem zum Chräbu hinüber schauen kann. So kann sie sich auch jederzeit schlafend stellen. Sie beobachten nun den Chräbu, wie er sich in der Kochnische abmüht.

Irgendwie ist es nicht Chräbus Tag. Alles geht schief. Zuerst verbrennt er sich mit heissem Wasser aus dem Kochtopf die Hände. Und anstelle von warmem Wasser giesst er jetzt kaltes Wasser in das Becken, in dem sich das schmutzige Geschirr befindet. Zudem erwischt er noch Putzmittel anstelle des Abwaschmittel, von dem er ein paar Spritzer in das kalte Wasser gibt. Jetzt realisiert er, dass da alles schief gelaufen ist. Laut lachend nimmt er nun das schmutzige Geschirr aus dem Becken, und giesst anschliessend das kalte Wasser ab. Dabei sagt er: „Mann, man wird alt. Alzheimer sei gegrüsst.“

Martina und Stini müssen lachen, was sie ganz still tun. So, damit Chräbu nicht merkt, dass er beobachtet wird. Denn er fühlt sich nicht beobachtet. Und so verhält er sich auch. Aus einer angebrochenen Weinflasche giesst er nun den Wein in ein Glas. Er stellt die Flasche in den Korb mit den andern leeren Glasflaschen. Mit grossen Schlucken trinkt er das Glas mit dem Wein aus. Er stellt das Glas in das Becken, in dem vorher das Geschirr war. Dazu brummelt er: „In vinum veritas, so mach ich das!“

Martina schlüpft nun aus dem Schlafsack, und zieht sich die Hose und den Pullover an. Eiligen Schrittes verlässt sie den Raum Richtung Plumpsklo. Stini lacht nun laut heraus, und Chräbu schaut etwas verlegen zu ihr hin. Er realisiert, dass sie ihn bereits seit längerer Zeit beobachtet und sich herrlich amüsiert hat. Chräbu mischt sich nun das richtige Wasser zum Abwaschen des Geschirrs im Abwaschbecken zusammen. Als er sich daran macht, das schmutzige Geschirr wieder in das Becken zu legen, kommt Martina zurück. Ganz Ärztin sucht sie eine Möglichkeit, sich die Hände zu waschen. Chräbu bemerkt das und sagt dann zu ihr: „Hey, Du kannst ja das Geschirr abwaschen. Dann werden Deine Hände automatisch sauber… Etwas Hüttenromantik muss schon sein.“ Martina schaut den Chräbu an, als hätte sie noch nie einen grösseren Idioten getroffen. Ihr geht durch den Kopf, was sie das ganze Jahr gepredigt hat, dass die Grundregeln der Hygiene eingehalten werden, wie Hände Waschen. Und jetzt kommt der daher. Ja, wo sind wir denn? Zu Chräbu gewannt sagt sie dann ganz streng: „Ich werde diese Geschirr abwaschen! Aber zuerst wasche ich mir meine Hände. Verstanden?“ Chräbu hat verstanden. Er nimmt ein kleines Becken vom Gestell über der Kochnische, und giesst etwas heisses Wasser aus der Pfanne in das Becken. Anschliessend kühlt er es mit kaltem Wasser so ab, wie er denkt, dass man damit die Hände waschen kann. Er stellt das Becken neben dem schmutzigen Geschirr auf die Arbeitsfläche. Dazu legt er noch ein Stück Seife und ein Handtuch neben das Becken. Martina sagt nur: „Na, geht doch!“ Mit wenigen eingeübten Handgriffen wäscht sie sich nun die Hände, als würde sie sie nur so waschen. Um die Situation etwas zu beruhigen, sagt sie plötzlich: „Ja, was man nicht alles lernt, wenn man in Katastrophengebieten unterwegs ist.“

Vor ihrer Anstellung in der Klinik war sie für verschiedene Organisationen als Kinderärztin in Katastrophengebieten im Einsatz. Nach ein paar Jahren musste sie aber feststellen, dass das keine Zukunft hat. Um das Elend zu bekämpfen braucht es keine Ärzte. Das muss in der Politik gelöst werden. Aber die sind ja alle so korrupt und machtbesessen, dass sich da nichts ändern wird. Und die reisen lieber von Gipfel zu Gipfel, unterzeichnen irgend so ein Papier, aber bessern tut sich nichts. Ihr tun zwar die Kinder leid, die sie in ihrem Elend zurück liess. Aber schlussendlich musste sie für sich schauen. Daher schlug sie zu, als das Angebot aus der Klinik kam. Nur weiss sie heute nicht, was eigentlich richtig oder falsch ist. Oft denkt sie an die Kinder zurück, die sie damals verlassen hatte.

Und in der Klinik zählen nur noch die Zahlen. Alles ist nur noch Gewinnorientiert. Für seine Patienten hat man als Arzt nicht mehr genügend Zeit, was oft zu einem wahren Chaos führt. Dossiers, die nicht dort sind, wo man sie erwartet. Wichtige Informationen gelangen zu spät an die Personen, für die sie gedacht sind. Wäre sie doch bloss dort geblieben, wo sie damals war. Aber es ist nicht sicher, dass sie noch am Leben wäre. Und ihre Kinder hat sie auch zu lange allein gelassen. Speziell nach dem Unfalltod von Konrad, ihrem Ehemann, hatten die zwei nur noch ihre Grossmutter. Diese Gedanken gehen der Martina durch den Kopf, als sie das Geschirr abwäscht, das noch vom Vorabend übrig geblieben ist. Chräbu trocknet das Geschirr ab, das Martina abgewaschen hat, und stellt es auf das Regal über der Kochnische. Er spürt rasch, dass er jetzt besser nichts sagt. Sonst wird die Situation nur noch schlimmer, und es endet im Streit.

Chräbu schaut hinüber zur Schlafstelle, auf der der David liegen sollte. Er sitzt mittlerweile auf seinem Schlafplatz und zieht sich gerade die Hose hoch. Er steht auf, und macht sich die Hose zu. Danach reckt er eine Hand hoch, ballt sie zu Faust und hebt den Daumen hoch. Fragend schaut er nun den Chräbu an. Chräbu schüttelt nur den Kopf, und deutet auf Martina. Dabei zuckt er mit den Achseln. David lächelt nur, und zuckt selber mit den Achseln. Und beide sind sich einig, dass Martina noch etwas Zeit braucht, um auf andere Gedanken zu kommen.

Das Geschirr war rasch abgewaschen und versorgt. Chräbu zieht die Martina von der Kochnische weg. Denn jetzt hat dort der David das Kommando übernommen. Und alle spüren bald einmal, dass da jemand in der Küche hantiert, der keinen Widerspruch duldet. Und so setzen sie sich an den Tisch und schauen wortlos dem David zu. Martina kann sich aus dem, das sie nun beobachtet, keinen Reim machen. Viel zu schnell läuft alles ab. Hatte der David doch erst mal ein Gemisch von Wasser und Mehl in der Schüssel, stapelt er schon ofenwarme Muffins auf ein Brett. Dazu brät er Speck und Eier. Auch hat er dazu einen Salat aus Gemüsen hergestellt. Gerade verarbeitet er ein Holzbrett zu einer Käseplatte. Als Chräbu nach draussen geht, und Chrigi und Dani zuruft: „Hey Kinder, kommt rein, es gibt gleich Frühstück!“

Als hätten es alle verstanden, bewegen sich alle, auch die Hunde, auf die Hütte zu. Draussen wird noch der Schnee abgeklopft, ehe sie in die Hütte treten. Die Hunde werden mit einem Frottiertuch abgerieben. Sie legen sich danach auf Chräbus Schlafplatz und beobachten die ganze Szenerie aus offenen Augen, aber ohne den Kopf zu bewegen. Denn sie wissen genau, wenn sie sich nun schlau genug anstellen, kriegen sie auch etwas von diesem herrlich riechenden Frühstück ab. Alle setzen sich nun an den Tisch und decken sich mit allem essbarem ein, das da vor ihnen auf Bretter und in Schüsseln liegt. Chräbu füllt sich seinen Teller mit allem. Danach zaubert er eine Flasche Ahornsirup hervor, womit er einmal mehr das ganze in seinem Teller ersäuft. Genüsslich tunkt er einen Muffin nach dem anderen in die Suppe in seinem Teller. Ja, irgendwie schwimmen da Eier, Speck und Salat im Ahornsirup herum. Das stört ihn scheinbar nicht. Den Muffin steckt er sich danach in den Mund, und verspeist ihn laut schmatzend, als wäre er alleine in dieser Hütte. Irgendwie stört das niemanden.

Nach dem Frühstück schaut Chräbu zur Stini und sagt: „Du und die Chrigi, ihr wäscht das Geschirr ab. Der Dani hilft euch dabei.“ und dann zu Martina gewannt: „Du und Giusi, ihr kommt mit mir. Wir haben da etwas wichtiges zu besprechen.“ Martina nickt nur mit dem Kopf, und denkt sich, jetzt kommt wohl der Moment der Abrechnung. Oder sonst etwas unangenehmes. Doch, als Chräbu eine Landkarte aus seinem Rucksack nimmt, nimmt es sie wunder, was da nun passieren wird.

Zu dritt verschwinden sie nun im Holzschopf, und setzen sich auf eine Bank, die sie rasch aus zwei Baumstrünken und einem Brett zusammen gestellt haben. Chräbu fordert den Giusi auf, sein Anliegen vorzubringen. Doch der Giusi will nicht so recht, und murmelt eine Ausrede wie: „Das macht doch eh keinen Sinn. Wer will schon in eine solche armselige Gegend ziehen, und so eine Aufgabe übernehmen?“ Etwas barsch entgegnet nun Chräbu: „Dazu sind wir nun beisammen, um das zu klären. Und wenn du nicht willst, dann erzähle ich, um was es geht. Aber das ganze geht eigentlich dich an, und sollte deshalb von dir kommen.“

Giusi räuspert sich, putzt sich die Nase, und sagt dann in seinem Südtiroler-Dialekt: „Das ganze ist so, dass wir eure Hilfe brauchen. Und zwar geht es darum, dass die Alice ihre Kinderarztpraxis altershalber aufgibt. Es ist die einzige im ganzen Tal. Das ginge ja noch. Aber gleichzeitig wird auch das Spital aus finanziellen Gründen geschlossen. So haben wir niemand mehr, der oder die zu unseren Kindern schaut.“ Giusi macht eine kurze Pause, schaut die Martina an und sagt: „Da du eine erfahrene Kinderärztin bist, haben wir nun an dich gedacht.“ Und etwas aufgeregt, als wollte er selber nach dem letzten Strohhalm greifen: „Ja, du kommst ja aus dieser Gegend. Will heissen, dass du die Leute kennst, und ihren Dialekt sprichst.“ Giusi holt nun tief Luft, und beide schauen den Chräbu an. Der faltet nun seine Landkarte auf, und zeigt der Martina, in welchem Tal und welcher Ortschaft sich die Kinderarztpraxis befindet. Martina schaut sich das ganze nun aus der Nähe an, legt den Zeigefinger auf die Karte, und meint: „Hier war ich als Kind oft bei meiner Nona über Weihnachten und in den Sommerferien. Da hat es aber auch viele weit abgelegene Höfe, und es ist den Leuten dort auch nicht immer möglich, zum Arztbesuch ins Tal zu kommen. Da müsste man schon zu ihnen hochfahren.“ Martina überlegt kurz, und fragt dann: „Und wie schaut das ganze mit den Bewilligungen und Papierkrieg aus? Ich habe ja einen Schweizerpass.“

Darauf antwortet Chräbu: „Das ist noch das kleinste Problem. Dafür sorgt der Giusi schon. Und wenn du willst, gehört die Arztpraxis ab kommendem März dir.“ Er lächelt den Giusi kurz an, der ihn jetzt anschaut, als wäre er ein kleiner Junge, der vernimmt, was er nach einer Dummheit als Strafe zu tun hat. Wieder zu Martina schauend ergänzt er: „Es kommt nun darauf an, ob du diesen Schritt machen willst, und bereit bist, dich in ein neues Abenteuer zu stürzen. Überlege es dir. Du hast Zeit bis Morgen nach dem Frühstück. Dann will ich eine klare Antwort. Und wenn du Fragen hast, darfst du jederzeit mit mir darüber reden. Auch Stini und David wissen bescheid, und haben ein offenes Ohr für deine Anliegen. Du darfst dich also vertrauensvoll an uns alle wenden.“

Martina weiss nicht, was sie jetzt sagen soll. Denn einerseits kommt das ganze etwas überraschend auf sie zu. Und andererseits, wenn sie zusagen würde, ginge da ein Traum von ihr in Erfüllung. Denn davon hat sie immer geträumt, dass sie eines Tages in dieser Gegend eine Kinderarztpraxis leiten würde. Und jetzt wird ihr das quasi einfach so vor die Füsse gelegt. Sie muss sich nur noch bücken und es aufheben. Tausend Fragen gehen ihr nun durch den Kopf, und sie sagt nur: „Ich brauche jetzt frische Luft!“ verlässt den Raum und geht nach draussen. Giusi folgt ihr, und möchte mit ihr sprechen. Aber er findet keine Worte, die jetzt hilfreich sein könnten. Darum schweigt er lieber. Er steht nur da, und schaut sich die Martina an. Dabei denkt er sich: „Was haben wir nur mit ihr gemacht?“ Ihm kommt es vor, als hätten sie Martina soeben für etwas missbraucht, das ihnen nun leid tut.

Martina wird es plötzlich bewusst, dass sie sich in dieser Kleidung erkälten könnte. Sie kehrt daher in die Hütte zurück und geht direkt zu ihrem Schlafplatz. Dort zieht sie sich ihre warme Jacke an. Nimmt ihre Mütze, Handschuhe und begibt sich zum Ausgang der Hütte. Stini packt sie am Arm, und fragt: „Hey, was ist los?“ Martina antwortet: „Nichts ist los. Ich will nur alleine sein, und das geht am besten, wenn ich spazieren gehe.“ Stini sagt: „Aber nicht alleine. Nimm den Bäri mit, der findet immer wieder hierher zurück.“ Und so ruft Stini dem Bäri, und macht ihn mit seiner Aufgabe betraut. Zu Martina gewandt: „Du kannst ihn frei laufen lassen. Er wird immer in deiner Nähe bleiben. Aber folge ihm, wenn er dir zeigt, wo der Weg durchgeht.“ „Du musst ihm vertrauen.“

Martina denkt: „Na, dann verlassen wir uns halt auf einen Hund. Eigentlich wäre der Mensch der Chef. Aber wenn die denken, nehmen wir den Hund mit.“ Und so marschiert sie los. Sie merkt nicht, dass bereits nach wenigen Schritten der Bäri die Führung übernommen hat, und vor ihr durch den Schnee trabt. Ohne sich viel zu überlegen folgt sie der Spur, die der Bäri in den Schnee zieht. Zu stark ist sie mit ihren Fragen beschäftigt. Die Probleme in der Klinik wäre sie damit los. Aber sie müsste hier alles zurück lassen, und ins Südtirol ziehen. Aber dort hat sie nicht gerade den besten Ruf. Da tauchen Erinnerungen an ihre Jugend auf. Weil sie ihren Vater nicht kannte, wurde sie oft von den andern Kinder gehänselt. Auch litt ihre Mutter darunter, dass sie ihre Tochter alleine gross zog. Sie musste in schlecht bezahlten Anstellungen schuften, und hatte kaum Zeit für ihre Tochter. Martina denkt an ihre Kindheit zurück, und ist sich bewusst, dass ihre Mutter sie geliebt hat. Aber sie musste mit dem zufrieden sein, das ihr ihre Mutter bieten konnte. So verging ihre Schulzeit. Ihre Mutter verstarb kurz davor, bevor die Schule zu Ende war. Das war ein harter Schlag für sie. Nun stand sie ganz alleine in dieser Welt, denn Geschwister hatte sie keine. Doch sie hatte Glück. Ein Schweizer Ehepaar nahm sich ihr an, und mit in die Schweiz. Ja, da war sie gut aufgehoben, und durfte sich zur Kinderärztin ausbilden lassen. Aber die zwei sind mittlerweile auch gestorben. Und was ist mit ihren Kindern? Kann sie die einfach so alleine lassen? Die sind doch gerade mitten in ihrer Ausbildung. Und da ist es doch nur gut, wenn man ab und zu jemand hat, der für einen da ist.

So in ihre Gedanken versunken wandert sie hinter dem Bäri her. Plötzlich bleibt er vor einer Stalltüre stehen, und schaut Martina an, als wolle er sagen: „Hey, mach die Türe auf!“ Ohne zu überlegen öffnet Martina die Stalltüre, und sie treten in den Stall. Bäri marschiert hinter den Kühen durch den Stall zu einer anderen Tür. Martina folgt ihm, öffnet die Türe und tritt in eine Küche. An einem grossen Tisch sitzen ein paar Leute. Am Tisch dreht sich eine Frau um, und schaut den Bäri an. Freudig steht sie auf, und begrüsst den Bäri. Sie scheint ihn zu kennen. Bäri geniesst sichtlich die Streicheleinheiten, die er von der Frau erhält. Und speziell freut er sich, als er noch Kotteletknochen zum fressen erhält.

Martina setzt sich an den Tisch und stellt sich vor: „Hallo, ich bin die Martina, und den Bäri kennt ihr ja.“ Alle nicken ihr wohlwollend zu, und fahren dann mit ihrer Diskussion fort. Martina muss innerlich lachen. Das hat sie noch nie gehört. Da wird französisch und deutsch durcheinander gesprochen. Oft auch im gleichen Satz. Und das noch in einem eigenen Dialekt. Und die verstehen sich erst noch. Unweigerlich wird Martina an ihre Kindheit zurück erinnert. Im Südtirol ging es auch nicht anders zu, wenn die Einheimischen unter sich waren. Da wurde auch deutsch und italienisch durcheinander gesprochen. Dann das Deutsch in ihrem ureigenen Dialekt. Da hat ein Fremder echt Mühe, etwas zu verstehen. Und so fühlt sich Martina plötzlich irgendwie zu Hause. Will heissen, dass sie sich hier irgendwie geborgen fühlt, und dass ihr das schon lange gefehlt hat. Bei der Frau, die vorher den Bäri begrüsst hat, bestellt sie ein Sandwich und einen halben Liter Rotwein.

Genüsslich isst sie ihr Sandwich, das recht viel Fleisch enthält, und trinkt dazu den Wein. Aus den Gesprächen der andern schliesst sie, dass die nun jeden Bauernhof in der Umgebung und dessen Bewohner durchdiskutieren. Martina denkt nur: „Ganz wie zu Hause“ und muss lächeln. Bäri hat sich in der Küche auf den Boden gelegt und scheint zu schlafen. Das ganze schaut so friedlich aus, dass sie ihre Sorgen vergisst. Martina kommt mit der Frau, die hier scheinbar die Chefin ist, ins Gespräch. Zuerst will die Frau wissen, woher Martina kommt. Martina sagt nur, dass sie da in einer Hütte Weihnachten gefeiert haben, und dass sie nun unterwegs sei, um etwas frische Luft zu schnappen. Doch die Frau kennt den Bäri nur zu gut. Auch kennt sie die Stini gut. Aber sie will da keine Diskussion herauf beschwören. Denn das liegt ihr fern. Und so beschränkt sich die Kommunikation aufs wesentliche wie Wetter, Hunde und allgemeines. Die Frau erzählt Martina, wie sie ihren Job an der Uni schmiss und jetzt hier für die Maiterie zuständig ist, was ihr sehr gefällt. Dabei kann sie machen, was ihr gefällt, wie zum Vieh zu schauen, Schnaps brennen, oder ganz einfach mal nichts tun.

Martina beneidet diese Frau. Doch da kommt ihr wieder in den Sinn, dass sie das eigentlich auch haben könnte. Sie müsste dem Chräbu nur zusagen. Doch dazu fehlt ihr im Moment der Mut. Es geht nicht darum, etwas neues anzufangen. Sondern es stört sie das ganze drum herum. Weg vom täglichen Trott in der Klinik und die Komfortzone verlassen. Dann auf eigenen Füssen stehen, und das ganze erst noch selber schmeissen und für alles selber verantwortlich sein. Dazu hier alles liegen lassen. Das ist einiges, das sie da entscheiden soll. Doch sie hört die Frau sagen: „Wenn es nicht mehr weiter geht, musst Du ins kalte Wasser springen und neu bei Null anfangen.“ Diese Weisheit prägt sich irgendwie in ihr Gewissen ein, und lässt sie nicht mehr los.

Martina bezahlt ihre Konsumation, und bereitet den Bäri darauf vor, dass es nun zurück zur Hütte geht. Als sie aus dem Stall treten, sehen sie, dass es langsam aber sicher Nacht wird. Bäri trottet wieder vor der Martina durch den Schnee. Ab und zu bleibt Bäri stehen, und schaut Martina an, als wollte er sich vergewissern, dass es ihr gut geht. Und so marschieren sie durch die Dunkelheit zurück zur Hütte. Bei der Hütte angekommen, werden sie freudig empfangen. Bäri rennt sofort zur Stini hin, die ihn streichelt und liebkost. Auch darf er an ihr ein paar mal hochspringen. Ja, er hat seinen Job gut gemacht. Dafür kriegt er eine Wurst, die er hastig verschlingt.

Chrigi und Dani sind glücklich, ihre Mutter wieder gesund und munter vorzufinden. Zusammen umarmen sie nun Martina, und erzählen ihr, was ihnen so durch den Kopf ging, als sie, Martina, das Haus verliess. Aber zum Glück hatte sie ja den Bäri dabei. Darum kam alles gut.

In der Hütte setzen sich alle an den Tisch, und nehmen ihre Arbeit wieder auf. Martina schaut sich das ganze an, und sagt nur: „Ein wenig stinken muss es“. Denn die Stini schneidet Brot in mundgerechte Würfel. Chrigi und Dani schneiden Käse in kleine Würfel, und der Chräbu hat einige gerüstete Schalotten vor sich, und ist gerade dabei, Knoblauch zu rüsten. Ja, das kann nur die Vorbereitung für ein Fondue sein. Als Abschiedsessen hier in dieser Hütte gerade das richtige Menü. Um nicht zu sagen, genau das passende romantische Abendessen.

Schon bald sitzen alle am Tisch, und der Käse köchelt im Gaquelon. Alle greifen herzhaft zu, und es entsteht eine lockere und lustige Stimmung. Niemand scheint an die Alltagssorgen zu denken. Doch als das Fondue gegessen ist, fragt Chrigi die Martina: „Und, wie ist es, Mutti, gehst du nun ins Südtirol?“ Martina schaut alle etwas überrascht an. Eigentlich war alles bereits entschieden. Doch sie wusste nicht, wie Chrigi und Dani reagieren, wenn sie vernehmen, dass ihre Mutter nun plötzlich ins Südtirol auswandern wird. Und daher hat sie dazu bis jetzt noch nichts gesagt. Doch nun steht eine konkrete Frage in der Luft, und die muss sie nun ehrlich beantworten.

Als müsste Martina die Antwort nochmals überlegen, schaut Martina auf den Boden. Eigentlich hat sie sich bereits entschieden. Aber sie will die Leute noch ein wenig zappeln lassen. Daher sagt sie etwas bedrückt: „Ich brauche noch etwas Zeit. Morgen werde ich euch über meine Entscheidung informieren. Versprochen.“ Denn sie möchte noch etwas mehr über den Giusi erfahren, der ja ihre Ansprechperson sein soll.

Martina fragt den Giusi, woher er denn komme, und was er so macht. Giusi entgegnet nur: „Dass du das noch fragen musst. Ja, liebe Martina, da bist du schon viel zu lange weg aus unserem schönen Südtirol.“ Martina erwidert: „Also, wer bist du? Dein Gesicht kommt mir irgendwie bekannt vor. Aber ich kann es nirgends zuordnen.“ Giusi lächelt, und antwortet: „Ja, ist schon lange her. Denk mal an die Schulzeit zurück. Da war das hübsche Mädchen, die Alice. Und da war der Beni, der sie anhimmelte. Und Alice war in den Beni verliebt. Aber da war noch der reiche Schnösel, der das ganze nicht verkraften konnte, weil er sich auch in die Alice verliebt hat. Und er konnte es nicht verkraften, dass er bei der Alice nicht landen konnte.“ Giusi macht eine Pause und spricht dann weiter: „So hat er die Alice richtig gequält, wo er nur konnte. Bis dann ihre Freundin daher kam. Wütend wie nur etwas. Mann, hat die mich verprügelt. Konnte vier Wochen lang kaum gehen.“ Martina schaut den Giusi etwas ungläubig an. Ja, sie hat mal auf dem Pausenplatz einen Jungen verprügelt. Aber das ist bereits vor vielen Jahren geschehen, und an die Einzelheiten kann sich Martina auch nicht mehr erinnern. Doch dann fragt sie der Giusi: „Hey, du bist doch die Bruckner Martina? Oder nicht?“ Martina schaut ihn an und antwortet: „Ja, die war ich als ledig. Hey, du warst der reiche Schnösel, den alle hassten. Du trugst immer die schönen Kleider, und wir mussten die Kleider unserer grösseren Geschwister austragen. Das war nicht lustig.“ Giusi meint dazu: „Was meinst du, wie mir das auf den Wecker ging. Musste immer sorge tragen zu den Kleidern. Ihr durftet immerhin auf einen Baum klettern. Ich nicht. Wegen der Kleider. Und da will meine angebetete nichts von mir wissen. So bin ich dann ausgerastet. Aber da kamst du daher, und hast mich dermassen verprügelt.“ Jetzt geht Martina ein Licht auf, und ihr ist nun klar, wer der Giusi ist. Sie fragt nun: „Was ist eigentlich aus eurem Hotel geworden?“ Giusi antwortet: „Ja, das gibt es noch. Es gehört jetzt mir.“ „Und es läuft hervorragend.“ Martina fällt ihm ins Wort: „Ja, dann hast du ja einiges zu bestimmen, was in dieser Umgebung geschieht. Dein Vater jedenfalls hatte das ganze Tal bekanntlich im Griff.“ Giusi kann sich ein lächeln nicht verkneifen und sagt etwas belustigt: „Sorry, Frau Doktor, Sie sprechen mit dem Gemeindepräsidenten! Das sollte reichen!“

Martina schüttelt den Kopf, und denkt sich, dass das wieder typisch für diese Familie ist. Ein normales Leben passt nicht zu ihnen. Sie müssen immer die Macht ergreifen. Zu Giusi gewannt erwidert sie nun: „Dann kannst du mir ja beim Papierkram behilflich sein. Ohne dass es nach Korruption stinkt. Oder?“ Giusi antwortet: „Martina, schau, mir ist es nicht egal, wer diese Kinderarztpraxis übernimmt. Aber ich habe geschworen, dass ich diese Person nach Kräften unterstützen werde. Und für dich, Martina, werde ich alle Hebel in Bewegung setzen, damit du diese Kinderarztpraxis bekommst. Du musst mir nur vertrauen.“ „Ja, auf eure Familie konnte man sich schon immer verlassen. Was ihr euch in den Kopf gesetzt habt, habt ihr auch umgesetzt. Ich hoffe, du meinst es nun gut mit mir. Denn sonst kann ich es gleich vergessen. Denn gegen diese Mafia komme ich nicht an.“

Giusi schaut Martina traurig an. So, als hätte er das Gefühl, als wollte er einem Menschen helfen, der aber seine Hilfe nicht annehmen will. Etwas verzweifelt sagt er dann: „Schau, das ganze mag etwas nach Mafia aussehen. Aber wir sind harmlos. Doch was wir sagen, hat Gewicht. Und verdammt noch mal, mir liegt einfach das Wohl der Kinder in diesem Tal am Herzen. Und wer sonst, als du, ist fähig diese Aufgabe zu Übernehmen? Allein deine Einsätze in Krisengebieten sagen mir, dass du die Erfahrung mitbringst, die es in diesem Tal braucht. Wir schiessen zwar nicht aufeinander. Doch die Kinder helfen oft in der Landwirtschaft mit. Und da kann einiges passieren. Dann wirst du oft auf dich alleine angewiesen sein. Deshalb benötigen wir jemand mit einem grossen vollen Rucksack. Und glaube mir, du bist die einzige Person, der ich das zutraue.“

Giusi hätte noch eine Menge Argumente einbringen können. Doch Martina fällt ihm ins Wort: „Ja, bis jetzt haben wir nur über die Person gesprochen, die diese Kinderarztpraxis übernehmen soll. Doch hinter allem steckt auch noch ein Preis. Wie sieht es eigentlich finanziell aus? Das würde mich noch interessieren. Darüber wurde noch nicht gesprochen.“ „Richtig“ antwortet Giusi. „Aber das können wir schon irgendwie regeln. Du hast sicher etwas weniges Erspartes. Zudem kommt es darauf an, was die Alice noch für die Praxis will. Aber keine Angst, das regeln wir schon. Der Herr Bankdirektor ist mir ja auch noch etwas schuldig.“

Chräbu, der die Diskussion aus der Ferne beobachtet hat, sagt jetzt: „Der Giusi muss dir helfen. Ansonsten ist es vorbei mit seinem schönen Leben, innerhalb der schönen und reichen. Und bei Problemen bin ich auch noch da, und werde dir helfen. Garantiert!“

Martina denkt noch, wieso ihr der Guisi helfen muss. Doch eine Antwort findet sie im Moment nicht. Als sie sich umschaut, stellt sie fest, dass alle sich für das zu Bette gehen vorbereiten. Im Holzschopf haben sich alle zum Zähneputzen versammelt. Und man könnte meinen, jedes oder jeder möchte die saubereren Zähne als die anderen haben. So wurde wie wild im Mund mit der Zahnbürste herumgefiedelt. Auch Martina schliesst sich diesem Prozedere an.

Jetzt, wo alle vor ihren Schlafplätzen stehen, und die Schlafsäcke zurecht machen, kommt der Chräbu noch mit seiner Feldflasche daher, und bietet jedem einen Schluck von seinem Tee an. Dazu meint er, das hilft gegen Geburtsschmerzen. Oder gegen sonst irgendetwas.

Schon bald wird das Licht gelöscht, und alle liegen in ihren Schlafsäcken. Bäri hat sich neben die Martina auf die Schlafstelle gelegt. Irgendwie geniesst sie das. Denn jedenfalls streichelt und krault sie den Bäri, was er sichtlich geniesst. Nora hat sich bei der Chrigi eingenistet. Auch sie wird liebkost, gestreichelt und gekrault, was ihr sichtlich gefällt. Ob alle schlafen, weiss Martina im Moment nicht, aber Chräbu und David haben wieder ihre Kettensägen aktiviert, und sägen um die Wette. Martina schaut durchs Fenster und sieht dort den Mond, wie er mit den Wolken spielt. Das gibt ihr die nötige Ruhe, und schon bald schläft auch sie.

26. Dezember, die Weichen werden gestellt

Früh erwacht Martina. Es ist noch dunkel. Weil sie auf das Klo muss, steht sie auf. Zieht sich Schuhe und Jacke an, nimmt die Taschenlampe und geht nach draussen zum Plumpsklo. Es schneit, und es ist kalt. So ist sie froh, als sie wieder in der Hütte ist. In der Feuerstelle legt sie zwei Scheiter auf die Glut, welche bald einmal mit brennen beginnen. In eine Pfanne giesst sie etwas Wasser, und stellt sie auf die Kochstelle. Schon bald kocht das Wasser, und sie kann sich einen Tee machen. Mit der Teetasse in der Hand setzt sie sich an den Tisch. Licht hat sie keines gemacht. Denn sie will die Dunkelheit geniessen, und schauen, wie es langsam heller wird. Auch geniesst sie den Tee, der langsam eine Temperatur erreicht hat, mit der man ihn trinken kann. Sie horcht auf die Geräusche in der Hütte. Von der Kochstelle kommen die Geräusche von brennendem Holz. Meist ein Knistern, dazwischen ein Zischen und ab und zu ein leises Knallen. Von den Schlafenden kommen nur die Atemgeräusche. Dabei fällt ihr auf, dass Chräbu und David normal atmen und nicht mehr sägen. Ja, die haben wohl kein Benzin mehr. Martina muss lachen.

Neben der Kochstelle steht eine Schüssel. Da Martina etwas Hunger verspürt geht sie zur Schüssel, um zu schauen was da drin ist. Es sind noch Brotresten in Form von Brotwürfel vom gestrigen Fondue. Sie nimmt die Schüssel, und geht zurück an den Tisch wo ihr Tee steht. Kaum hat sie die Schüssel mit dem Brot auf den Tisch gestellt, stehen auch schon die Hunde Nora und Bäri bei ihr. Draussen wird es langsam hell. Martina schaut in die Augen der Hunde. Dabei denkt sich: „So schöne Augen habe ich noch nie gesehen!“. Ja, so betteln Hunde.

Martina setzt sich an den Tisch, und nimmt einen Brotwürfel aus der Schüssel, tunkt ihn in den Tee und stösst ihn danach in den Mund. Nora wird nun etwas fordernd und stupst Martina mit der Schnauze an. Jetzt hat Martina begriffen um was es geht. Und so teilt sie das Brot mit den Hunden. Ein Würfel für Martina, ein Würfel für Nora und ein Würfel für Bäri. So geniessen die drei das Brot, jedes auf seine art. Das geht so, bis die Schüssel leer ist. Danach streckt Martin den Hunden die Schüssel hin, und sagt: „So, wir haben alles gegessen.“ Die Hunde lecken die Brotkrumen aus der Schüssel. Als sie damit fertig sind, gehen sie zum Hundenapf mit Wasser, und löschen ihren Durst. Danach hüpfen beide auf Martinas Schlafstelle und machen es sich dort bequem. Martina muss lachen und denkt: „Ja, mit Schlafen ist es jetzt aus.“

Chrigi erwacht, steht auf, und macht sich auf den Weg nach draussen. Als sie zurück kommt sieht sie Martina am Tisch sitzen. Sie setzt sich zu ihr, und fragt: „Auch schon auf? Hast du gut geschlafen?“ „Ja, fest und tief. Herrlich! Und du?“ antwortet Martina. „Ja, ich hatte zwar Mühe mit einschlafen. Aber danach herrlich.“ Gibt Chrigi zur Antwort. Chrigi geht zur Kochnische und stellt die Pfanne mit Wasser auf die Kochstelle. Schon bald kocht das Wasser in der Pfanne. Dazu meint sie: „Ich brauche jetzt einen Tee. Willst du auch einen?“ Martina antwortet mit: „Ja gerne“ und bringt der Chrigi ihre Tasse. Chrigi legt je einen Teebeutel in die Tassen, giesst heisses Wasser in die Tassen und stellt die Pfanne wieder ab. Jetzt geht sie zu ihrem Rucksack, reckt hinein, und zaubert einen Cake hervor. Dazu meint sie: „Den haben wir uns jetzt verdient. Der passt gerade zum Tee.“ Martina findet, dass es nun an der Zeit ist, und die Gelegenheit nicht besser sein könnte, um wenigstens mit Chrigi über ihre Zukunft zu sprechen. Doch weiss sie nicht so recht, wie sie das Gespräch einfädeln soll. Doch da kommt ihr Chrigi zuvor und fragt: „Und, hast du dich nun entschieden?“ Martina antwortet: „Du meinst, die Übernahme der Arztpraxis? Ja, das bleibt so. Ich werde euch bald verlassen und in ein neues Abenteuer springen. Ich habe viel zu lange für die falschen Leute gearbeitet. Und das ist meine letzte Chance, meine Träume zu verwirklichen. Ich hoffe, dass du und Dani das verstehen könnt.“ Chrigi schneidet den Cake in mehrere Portionen und sagt dabei: „Mutti, schau, ich kann das alles verstehen. Und hoffe für dich, dass du dabei Erfolg hast und dir deine Praxis so aufbauen kannst, wie du sie dir vorstellst. Also für mich ist es OK. Du bist ja nicht so weit weg. Mit dem Auto ist man ja rasch bei dir.“ Chrigi gibt der Martina ein Stück von ihrem Cake. Beide beissen in ihren Cake. Danach fragt Martina: „Was meint eigentlich der Dani dazu?“ Chrigi antwortet: „Ich habe gestern Nachmittag mit ihm darüber sprechen wollen. Ihm ist es egal. Er hat nur noch seine Fliegerei im Kopf.“ „Dann ist es also OK für euch?“ fragt Martina. Chrigi meint: „Ja, ich denke schon. Von mir aus kannst du in das neue Abenteuer hüpfen.“ Darauf Martina: „Aber das bleibt vorläufig noch unter uns. Ich will die Leute noch etwas zappeln lassen. Versprochen?“ „Ja, grosses Indianer Ehrenwort“ und während Chrigi das sagt, ballt sie die rechte Hand zur Faust, streckt Zeige- und Mittelfinger hoch, und drückt die Faust beim Herz auf ihre Brust. So wie es scheinbar die Indianer im Wilden Westen machten.

Langsam erwachen auch die anderen Leute. David zaubert wieder ein tolles Frühstück aus dem nichts hervor. Chräbu ersäuft wieder alles mit seinem Ahornsirup und schmatzt genüsslich, wenn er sich einen Bissen in den Mund steckt. Martina schaut sich die Leute am Tisch der Reihe nach an. Irgendwie hat sie das Gefühl, dass alle auf ihre Antwort warten, sich aber niemand danach zu fragen traut. Und so geniesst sie seit langem wieder einmal ein Frühstück, bei dem sie sich nicht um die alltäglichen Sorgen wie Mobbing oder eifersüchtige Ärzte kümmern muss. Nein, sie ist nun frei von Sorgen. Und das seit langer Zeit wieder einmal. Und die Sorgen, die nun auf sie zukommen, wird sie sicher meistern. Denn in den Krisengebieten, in denen sie tätig war, musste sie viel schwierigere Probleme lösen. Was sind eigentlich Probleme? Ganz einfach: das sind Aufgaben, die man lösen muss. Und genau so will Martina ihre neue Aufgabe angehen. Es bringt nichts, wenn sie sich bereits jetzt Gedanken macht, wie sie das ganze angehen will. Es kommt doch anders, als sie es sich vorgestellt hat.

Während sie so über ihre Zukunft denkt, nimmt ihr Dani plötzlich das Geschirr weg. Als er die Tasse nimmt, gibt er sie wieder zurück mit den Worten: „Sorry, du hast ja noch nicht ausgetrunken.“ Sie nimmt den letzten Schluck aus ihrer Tasse, und gibt sie dem Dani zurück. Jetzt realisiert sie, dass alle mit dem Frühstück fertig sind, und Dani den Tisch abräumt. Sie lächelt ihn an und sagt dann: „Schön, dass du auch mal etwas hilfst.“ Dani antwortet etwas mürrisch: „Die Stini hat mich dazu verknurrt.“

Chräbu ruft nun in die Runde: „Hey, seit mal still, ich will von der Martina nun eine ehrliche Antwort.“ Und zu Martina gewendet fragt er: „Also, Martina, wie schaut es denn aus? Übernimmst Du die Arztpraxis, oder müssen wir weiter suchen?“ Martina schaut den Chräbu an, und tut so, als wäre sie etwas verlegen und antwortet: „Ich weiss nicht. Ich konnte mich noch nicht entscheiden.“ Chrigi schaut die Martina an, und muss sich beherrschen. Fast hätte sie laut heraus gelacht. Aber alle anderen schauen sie nun mitleidig an. Und Giusi murmelt: „So eine Chance, die kommt nie wieder. Da muss man doch zupacken.“ Chräbu erwidert nun etwas streng: „Bis wir bei den Autos sind, hast du Zeit mit deiner Entscheidung. Und bevor du losfährst, kriege ich von dir eine klare, definitive Antwort. Vorher gehst du mir nicht nach Hause! Verstanden?“ Martina antworted nur: „Si Papa.“ und geht zu ihrer Schlafstelle. Dort beginnt sie ihren Rucksack zu packen. Auch Chrigi und Dani packen ihre sieben Sachen in ihre Rucksäcke.

Schon bald stehen alle draussen vor der Hütte, und warten nur noch auf Stini und Chräbu. David hat sich bereits nach dem Frühstück verabschiedet. Er habe noch einen Termin. Hat er gesagt. Martina fällt plötzlich auf, dass niemand die Hütte gereinigt hat. Und sich auch jetzt niemand darum kümmert, irgend einen Besen oder sonst was in die Hand zu nehmen, um die Hütte sauber zu machen. Nur denkt sie auch, dass das der Chräbu und die Stini entscheiden müssen.

Endlich kommen Chräbu und Stini marschbereit aus der Hütte. Chräbu schaut in die Runde, und sagt dann bestimmt: „Wir verlassen nun unsere geliebte Hütte. Ihr dürft aber ohne uns beide“ dabei schaut er zur Stini „niemals an diesen Ort zurückkehren. Versprochen? Ansonsten werdet ihr schwer enttäuscht sein.“ Obwohl das niemand so richtig verstehen kann, antworten alle mit: „Ja, versprochen.“ So meldet sich nun Stini: „So lasst uns nun in ein neues Abenteuer aufbrechen.“ und Chräbu ergänzt: „Es scheint zwar nicht die Sonne. Aber es schneit nicht, und Schneesturm haben wir auch keinen. Geniessen wir den Spaziergang zu den Autos. Also. Abmarsch!“ und marschiert los. Die Hunde folgen ihm. Und so setzt sich die ganze Gruppe in Bewegung. Hinter dem Chräbu folgt Martina, gefolgt von Giusi, der sie bald einmal einholt, und sie dauernd anschaut, wie ein Junge, der das geliebte Mädchen fragen möchte, ob es mit ihm gehen möchte, sich aber nicht getraut. Dani marschiert neben dem Chräbu her, und an den Wortfetzen, die Martina von deren Gespräch versteht, diskutieren die beiden über das Fliegen. Chrigi marschiert neben der Stini, und die beiden sind auch tief in ein Gespräch versunken. Aber plötzlich fällt ihr auf, dass beide, also Stini und Chräbu, auf all die Fragen kompetent antworten können. Als hätten sie jemals in diesen Fachgebieten gearbeitet. Und so kommen sie an die Stelle mit dem Strauch, der ihnen beim Aufstieg zur Hütte als Wegpunkt gedient hat.

Martina ruft nun: „Halt stopp! Alle warten!“ und stellt ihren Rucksack auf den Boden in den Schnee. Öffnet ihn, reckt hinein, und zieht eine Feldflasche heraus. Zieht den Zapfen aus der Flasche, und nimmt einen tüchtigen Schluck aus der Flasche. Jetzt reicht sie die Flasche der Stini. Auch sie nimmt einen grossen Schluck aus der Flasche. Und so geht sie weiter im Kreis herum, bis alle einen Schluck aus der Flasche getrunken haben. Als die Flasche wieder bei Martina ankommt, reibt sie mit der rechten Hand über die Öffnung, und trinkt nochmals ein paar tüchtige Schlucke aus der Flasche. Sie setzt nun die Flasche ab, und reibt sich ein paar Tränen aus den Augen. Ja, der Schnaps war doch etwas stärker, als sie es sich gedacht hat.

Martina schaut nun in die Runde, lächelt und sagt dann etwas verschmitzt: „Also, den Termin weiss ich noch nicht. Aber eines ist sicher. Ich lade euch hiermit alle zur Eröffnung meiner Kinderarztpraxis im Südtirol ein. Termin voraussichtlich: nächsten Frühling. Darauf trinken wir noch einen!“ Und nimmt nochmals einen tüchtigen Schluck aus der Feldflasche, während die andern Beifall klatschen. Darauf gibt sie die Flasche weiter, welche wieder im Kreis herum gereicht wird. Giusi schaut nun Martina mit gemischten Gefühlen an. Denn einerseits freut er sich, dass endlich eine Nachfolgerin für die Kinderarztpraxis gefunden wurde. Andererseits kommt nun eine Menge Arbeit auf ihn zu. Stini klopft Martina auf die Schulter. Reicht ihr die Hand und sagt: „Herzliche Gratulation. Ich wusste, dass du es annimmst. Vertraue mir. Es kommt alles gut. Dafür werden wir schon sorgen.“ Auch Chräbu reicht Martina seine Hand und sagt: „Gratuliere. Du wirst es nie bereuen. Dafür werde ich schon sorgen. Meine ganze Unterstützung hast du.“ Chrigi kommt nun auf Martina zu, und umarmt sie, während sie noch etwas verlegen stottert: „Vielen Dank euch allen.“ und dann bestimmt: „Morgen knalle ich meinem Chef die Kündigung auf das Pult.“ Dem Dani ist das ganze irgendwie egal. Nicht, dass er etwas gegen seine Mutter hat. Aber er will Militärpilot werden, und nächstes Jahr geht es so richtig los. Da wird er selten zu Hause sein. Und so ist es ihm eigentlich egal, ob seine Mutter hier ist, oder eben im Südtirol. Zeit für ihn hat sie ja eh nie.

So marschieren sie nun weiter zum Parkplatz, wo ihre Autos stehen. Während sie die Autos vom Schnee befreien, fallen noch die letzten Sprüche. Giusi fragt die Martina, ob er mit ihr ins Tal fahren darf. So können sie noch das weitere Vorgehen besprechen. Martina sagt ihm zu. Denn der Giusi ist nun ein wichtiger Ansprechpartner in ihrem neuen Projekt.

Chräbu steigt nun in seinen Geländewagen, schmeisst den Motor an, und ruft: „Also, bis später, oder bis nächsten Frühling. Tschüss allerseits!“ Er winkt noch und schliesst dann die Fahrertür. Danach fährt er auf das Strässchen und wartet. Stini sitzt nun auch in ihrem Geländewagen und man hört wieder den Helmut Lotti singen. Sie ruft noch: „Tschüss allerseits. Macht’s gut, und bis bald, oder nächsten Frühling!“ fährt dann auch auf das Strässchen und lässt etwas Distanz zu Chräbus Auto. Martina und die Kinder sind mittlerweile auch im Auto. Sie fährt nun auch auf das Strässchen, und reiht sich zwischen die beiden anderen Autos ein.

So bewegt sich nun eine Autokolonne mit drei Autos Richtung Tal. Man bekommt den Eindruck, als würden die drei einfach nach Hause fahren. Doch die Leute werden nun viel weiter fahren. In eine unbekannte Zukunft, mit grossen Zielen und Aufgaben. Und niemand weiss genau, wie es ausgeht.

Auffi
P.S.: Mit „Auffi‟ geht der Lift nach oben, also an den Seitenanfang. ...auf die Idee, „Nach oben‟ zu schreiben, kam ich anfangs nicht.